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  1. Kapitel

 

»Susan, er ist weg. Hast du verstanden? Josh ist weg«, schrie Silver ihre Stiefmutter an, aber sie hob nicht einmal den Kopf. Sie befand sich irgendwo gefangen im Heroinnebel und dort würde sie auch noch eine Weile bleiben. Silver wusste nicht einmal, ob sie überhaupt jemals verstehen würde, was sie getan hatte. Wenn das Heroin erstmal aus ihrem Körper verschwunden war, dann war es der Alkohol, der ihr den Verstand raubte.

Silver ließ sich mitten auf den Boden des Trailers sinken, irgendwo zwischen leeren Verpackungen, schmutzigem Geschirr und dreckiger Wäsche, und vergrub ihr Gesicht hinter ihren Händen. Sie musste sich etwas einfallen lassen, aber sie hatte kaum Kraft, sich zusammenzuhalten. Wie sollte sie dann nachdenken können, um einen Weg zu finden, Josh wiederzubekommen? Sie hatte das Gefühl, explodieren zu müssen vor Wut und Verzweiflung. Sie wollte irgendetwas zerschlagen. Vorzugsweise wollte sie Susan umbringen, denn sie war an alldem hier schuld.

Warum fühlte sie sich dann schuldig? Vielleicht, weil Silver nicht genug getan hatte, um das Jugendamt zu überzeugen. Weil sie Susan vertraut hatte, ihn wenigstens unter der Woche versorgen zu können, während sie versuchte, mit billiger Schwarzarbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das war falsch. Silver hätte wissen müssen, dass Susan es nicht schaffte, auf einen Vierzehnjährigen aufzupassen. Sie hätte wissen müssen, dass es nichts brachte, durch halb Europa zu fliehen mit einem Kind, das eigentlich in die Schule gehen müsste. Es war von Anfang an klar, irgendwann würde das Jugendamt auf sie aufmerksam werden, egal in welchem Land ihr Trailer gerade Halt machte.

Susan bewegte sich auf dem alten Sofa, brabbelte irgendetwas, dann rutschte sie auf den dreckigen Boden und blieb liegen. In diesem Zustand war sie auch gewesen, als das Jugendamt hier war, um nach Josh zu sehen. Nachbarn hatten sich wiederholt beschwert, obwohl in diesem Trailerpark so ziemlich niemand wirklich ein leuchtendes Beispiel für ein normales Leben war. Trotzdem war ihnen aufgefallen, dass es Josh nicht gut ging, dass es hier einen Jugendlichen gab, der die Schule nicht besuchte. Mel hatte Silver angerufen, sobald Kelly ihr davon erzählt hatte, dass das Amt hier war, und Silver war so schnell wie möglich hergefahren, aber es war zu spät. Die Mitarbeiterin des Jugendamts und der Polizist, mit denen sie gesprochen hatte, wollten überzeugt werden, dass Silver in der Lage wäre, besser auf Josh aufzupassen als ihre Stiefmutter.

»Was willst du jetzt machen?«, wollte Kelly wissen. Sie stand hilflos im Trailer und sah sich angewidert um. Direkt vor ihren Füßen lag eine benutzte Spritze.

»Ich muss ihn dort wegholen«, sagte Silver und sah seufzend zu ihr auf. »Ich kann nicht zulassen, dass er wieder in eine Pflegefamilie kommt, das überlebt er nicht noch einmal.«

Kelly sah Silver verstehend an. »Nein, das kannst du nicht.«

Kelly kannte Silvers Geschichte, auch die von Josh. Vor ein paar Jahren hatte Silver auch in einer Pflegefamilie bleiben müssen, in der waren die Zustände kaum besser als hier bei ihrer Stiefmutter. Damals gab es nur Silver und ihren Vater. Er hatte Susan erst kurz nach seiner ersten Haftstrafe kennengelernt und geheiratet. Nur weil es Susan gab, durfte Silver damals nach Hause. Josh stammte aus Susans erster Ehe, ihr Mann starb bei einem Arbeitsunfall. Ein Stromschlag auf einer der Ölplattformen in der Nordsee. Als Dad wegen Raubüberfällen zurück ins Gefängnis kam, rutschte Susan wieder ab, sie hatte sich nach dem Verlust ihres ersten Mannes zu sehr auf Silvers Dad verlassen. Damals lernte auch Josh seine erste und bisher einzige Pflegefamilie kennen.

Damals hatte Silver geschworen, alles zu tun, um nie wieder zuzulassen, dass Josh in eine Pflegefamilie musste. Also hatte sie beschlossen, mit Josh und ihrer Mutter unterzutauchen. Unter dem Radar zu bleiben. Niemals irgendwo lange zu rasten, um dem Jugendamt entkommen zu können. Sie hatte alles verkauft, was die Wohnung hergab, und davon einen klapprigen Trailer gekauft. Ihre Freundin Kelly, schon volljährig, begleitete sie seitdem. Wofür Silver ihr ewig dankbar sein würde, ohne eine Erwachsene mit gültigem Führerschein wären sie nie so weit gekommen. Von England bis nach Spanien, mit Aufenthalten in Frankreich, Österreich und Deutschland. Sie waren immer dann weitergereist, wenn ihnen der Boden unter den Füßen zu heiß geworden war. Diesmal hatten sie alle wohl zu dicke Schuhsohlen, keiner von ihnen hatte die Hitze gespürt.

»Die Beamtin meinte, ich müsste nachweisen, dass ich Josh ein sicheres Zuhause bieten kann und über ein regelmäßiges Einkommen verfüge, dann würden sie es sich überlegen.«

»Ich könnte auch einen Antrag stellen«, schlug Kelly vor, aber Silver schüttelte den Kopf. »Du bist nicht mit ihm verwandt, es würde Wochen, vielleicht Monate dauern, bis es eine Entscheidung geben würde.« Das hatte die Frau vom Amt Silver erklärt, weil Silver schon die gleiche Idee hatte.

»Das heißt, du brauchst einen Job.«

»Und einen festen Wohnsitz, ein eigenes Zimmer für ihn, alles, was man eben so braucht, um normal zu sein.«

»Das ist unfair«, warf Kelly traurig ein. »Ohne eine Wohnung bekommst du keinen Job.«

»Und ohne Job keine Wohnung«, warf Silver resigniert ein. »Niemand wird mir etwas vermieten.«

»Kaufen kannst du dir auch nicht leisten. Ich würde dir ja mein Apartment anbieten, aber damit wäre das Amt auch nicht zufrieden.« Vor ein paar Wochen hatten sie beschlossen, hier in dieser Kleinstadt eine Weile bleiben zu können, weil sie sicher waren, dass in einer so winzigen Stadt sich keiner für sie interessieren würde, deswegen hatte Kelly sich eine winzige Wohnung gemietet. Was für ein Trugschluss.

Silver lachte frustriert auf. »Ich könnte mir nicht mal ein Rattenloch leisten, mein Geld reicht höchstens noch für ein Brötchen.« Silver zuckte mit den Schultern. »Mein Dad wüsste, wie ich schnell an Geld kommen könnte.«

Kelly schüttelte grinsend den Kopf. »Einbrüche? Das wird dem Amt erst recht nicht gefallen. Außerdem, das hast du schon versucht, es hat uns ernährt, aber das Risiko war zu groß.«

»Und besonders gut bin ich darin auch nicht.« Silver dachte kurz darüber nach. Als sie kleiner war, hatte ihr Vater sie auf seine Einbrüche immer mitgenommen, wenn er im Auftrag von irgendwelchen Kunstsammlern oder Wirtschaftsspionen in Villen eingebrochen war. Er hatte ihr gezeigt, wie man die Alarmanlagen ausschaltete, man das Sicherheitssystem vor einem Einbruch genau unter die Lupe nahm und auch schon mal die Räumlichkeiten erkunden konnte. Sogar im Beisein der Bewohner. »Du hast recht, das ist keine Option.« Aber mit nur ein oder zwei gezielten Aufträgen könnte Silver sich ein kleines Häuschen irgendwo am Stadtrand kaufen. Natürlich nichts Besonderes, aber es wäre ein Anfang. Und Josh wäre in Sicherheit. 

Wenn Silver nur daran dachte, welche Ängste ihr Bruder gerade ausstehen musste, wenn sie ihn in eine Pflegefamilie brachten, wahrscheinlich würde er eine Dummheit begehen. Das durfte Silver nicht zulassen. Sie waren nicht die letzten beiden Jahre vor dem Jugendamt geflohen, nur um jetzt zu verlieren. Silver war jetzt 18 Jahre alt, sie müssten nicht mehr weiter fliehen. Sie könnte das hinbekommen, wenn sie dem Amt beweisen konnte, dass sie ein normales Leben führen konnte. Dass sie sich vernünftig um Josh kümmern konnte.

»Scheiß auf, Susan«, flüsterte Silver und warf ihrer Stiefmutter einen hasserfüllten Blick zu. Sie hatte sie ohnehin nur mitgenommen, damit niemand Verdacht schöpfte, wenn zwei Minderjährige allein durch Europa reisten.

»Ich bin seit heute 18«, sagte Silver. »Ich brauche sie nicht mehr. Ich schaffe das irgendwie.«

»Bist du dir sicher, dass das so geht?«, wollte Silver von Kelly wissen und sah unsicher an sich runter. Kelly hatte ihr eine ihrer engen Lederhosen geliehen, dazu trug sie ein rückenfreies Top. Kelly musterte sie, dann nickte sie zufrieden. »Genau richtig.«

»Und da bist du dir sicher, weil du ein einziges Mal auf einer Party im Haus warst?« Silver war noch immer skeptisch, was wahrscheinlich daran lag, dass sie sich in der Lederhose einfach nicht wohl fühlte. Sie war eher der Typ für bequeme Jeans und abgetragene Shirts. Was anderes hatte sie auch nie besessen.

Kelly zupfte am Träger ihres dünnen Hemdchens und nickte zur anderen Straßenseite. »Siehst du? Hauptsache schwarz, eng und schlampig. Dann brauchst du keine Einladung.«

Silver vorzog das Gesicht, als sie gegenüber eine Frau sah, die noch freizügiger gekleidet war als sie. Als das dunkelhaarige Kurvenwunder vor dem großen Tor mit dem Logo des MCs stehenblieb, wurde sie grölend begrüßt, dann öffnete sich das Tor und die Frau verschwand im Innenhof. Obwohl es noch nicht einmal 21 Uhr war, schien die Party schon in vollem Gange.

»Hatte ich schon erwähnt, dass ich Biker hasse? Sie sind schmutzig und saufen«, warf Silver ein und rümpfte die Nase, als ein dröhnendes Motorrad an ihnen vorbeifuhr, vor dem Tor hupte und eingelassen wurde.

»Ja, und saufen findest du am allerschlimmsten«, fügte Kelly an und lächelte bedauernd. »Ich weiß.«

Ja, wusste sie, immerhin war Kelly Silvers beste Freundin und das schon sehr lange. Sie hatte Susans beste und schlimmste Zeiten miterlebt. Sie hatte auch Silvers schlimmste Zeiten erlebt.

»Wenn du nicht auffallen willst, wirst du etwas trinken müssen«, meinte Kelly, legte eine Hand in Silvers Rücken und schob sie unnachgiebig auf das breite Tor zu.

Silver schluckte heftig, wahrscheinlich mehr aus Nervosität, weil sie sich gleich einer Horde trinkender, verschwitzter, tätowierter Männer stellen musste, als wegen des Gedankens, gezwungen zu sein, Alkohol zu trinken. Sie war sich sicher, dass sie mit dem Alkohol umgehen konnte. Ob sie mit den Männern umgehen konnte, wusste sie dagegen gar nicht. »Ja, ich werd es überleben. Wahrscheinlich.«

Kelly grinste. »Wahrscheinlich. Zumindest das Trinken, beim Rest bin ich mir nicht sicher.« Kelly blieb ein paar Schritte vom Zaun entfernt stehen. »Die Regeln!«

»So tun, als hätte ich Spaß dabei, wenn fremde Kerle mich begrapschen. So tun, als wäre ich für alles zu haben. So tun, als hätte ich Spaß.«

»Richtig. Und tu nichts, was ich nicht auch tun würde.«

»Das heißt, tu alles.«

»Du hast es verstanden.« Kellys Augen strahlten sie an, dann atmete sie tief ein. »Also los, ich hab Lust auf einen richtigen Kerl.«

»Ich bin mir sicher, damit hast du heute Glück«, sagte Silver lustlos und seufzte. Sie ließ sich von Kelly über die Straße schieben und versuchte, jedes warnende Flattern in ihrem Magen zu ignorieren. Das hier war nichts Besonderes. Nur eine Party. Nur ein Job.

Als sie vor dem Tor mit dem Logo stehenblieben, raste Silvers Puls wie verrückt. Als sie das letzte Mal mit ihrem Vater auf einer Party war, war sie 14 Jahre alt gewesen, sie trug ein dunkelblaues Satinkleid und er einen dunklen Anzug. Es war eine Gala in einer vornehmen Wohngegend von London gewesen. Der Auftrag war damals der gleiche wie heute. Nur besaßen die Gäste auf der Gala keine Waffen, zumindest trugen sie wohl keine unter ihren Anzügen und Kleidern. Heute wurden Kelly und Silver schon am Eingang von Waffen begrüßt. Die zwei Männer, die sie mit breit grinsenden Gesichtern begrüßten, trugen ihre Waffen offen an ihren Hüften. Sie wollten, dass jeder sie sah, als deutliche Botschaft an alle, die sich mit ihnen anlegen wollten.

»Kelly, eine Weile nicht gesehen«, begrüßte einer der Männer ihre Freundin.

»Rider«, sagte Kelly mit einem nur angedeuteten Lächeln.

»Wer ist deine Freundin«, wollte er wissen und lugte sie noch immer durch das Tor hindurch an.

»Meine Freundin Silver. Ich hatte Angst allein herzukommen.« Kelly zwinkerte ihm zu.

Die beiden Männer musterten Silver abschätzig, dann nickten sie. »Kommt rein und lasst mir was übrig«, verlangte Rider, dessen langes Haar offen über seinen Rücken fiel. Lange Haare bei einem Mann, Silver wusste nicht so richtig, was sie davon halten sollte. Wahrscheinlich gab es Männer, denen lange Haare gar nicht stehen würden, aber Rider wirkte fast schon indianisch.

Silver folgte Kelly auf das Clubgelände. Ihr Herz trommelte noch immer in ihrer Brust. Die Party schien auf dem Hof stattzufinden, denn hier standen wirklich viele Gäste herum. Und nicht auf jeder Kutte war das Logo der Helldogs zu sehen. Manche Rücken zierte gar kein Logo, manche kleine Teufel oder Schädel. Silver entdeckte ein paar Tonnen, in denen Feuer brannten, eine Menge Motorräder, eine Werkstatt und viele halbnackte Frauen. Kelly hatte sie vorgewarnt, auch davor, dass die Biker und die Frauen im Club sehr freizügig wären, aber mit dem, was sie hier sah, hatte sie nicht gerechnet. Sie fühlte sich plötzlich, als wäre sie in einem Swingerclub gelandet. Wahrscheinlich würde sie sich genauso fühlen wie jetzt, wenn sie mal in einem Swingerclub wäre, was sie noch nicht war.

»O mein Gott«, entfuhr es Silver fassungslos, als ihr Blick auf einem Paar landete, das nur wenige Schritte entfernt auf einer Bank saß, sie auf seinem Schoß. Er hatte seine Hände unter ihrem nackten Hintern und feuerte sie laut brüllend an, sich schneller zu bewegen.

»Versuch es einfach zu ignorieren«, murmelte Kelly nah an Silvers Ohr.

»O ja, Babys, eine Show. Fasst euch an«, brüllte ein Kerl, der höchstens so alt war wie Silver und torkelnd und stolpernd auf sie zukam und dann einfach vor ihnen zusammensackte und liegen blieb.

»Hat der uns gemeint?«, hakte Silver erstaunt nach, dann schüttelte sie den Kopf und sah sich weiter um. »Konzentrier dich«, ermahnte sie sich. Sie ignorierte, was um sie herum passierte, und ließ ihren Blick möglichst unauffällig über die Gebäude gleiten. Vier Kameras, eine in jeder Ecke, auf den Innenhof gerichtet. Zwei Kameras auf dem Tor, auf die Straße gerichtet. Die Gebäude standen u-förmig. In den Innenhof kam man nur durch das Tor. Sie wandte sich zum Tor um, wo Rider und sein Kumpel noch immer standen und Gäste reinließen. Mit zusammengekniffenen Augen ließ sie ihren Blick über das Stahltor gleiten. Sie war sich nicht sicher, aber wahrscheinlich wurde es an normalen Tagen unter Strom gesetzt, es gab ein dickes Kabel, das vom Dach der Werkstatt zum Tor führte. Das wurde bestimmt nicht nur für die Kameras benötigt. Eine Party wäre wahrscheinlich der einfachste Weg in den Club.

»Was denkst du, wo sie die heißen Sachen verstecken?«, hauchte Silver ihrer Freundin zu. »Kelly?« Verwundert sah Silver sich nach ihrer Freundin um, die gerade von einem älteren Mann mit dicken, muskulösen Armen an seine Brust gezerrt wurde. »So ein Mist«, fluchte Silver leise und ballte zornig die Hände zu Fäusten.

»Du bist eine Süße«, grunzte der Mann lachend. »Kenn dich noch gar nicht.«

»Ich dich auch nicht«, gab Kelly zurück und versuchte, sich aus der Umarmung zu befreien, aber der Mann war eindeutig stärker als sie, also ging Silver auf die beiden zu, packte die fleischige Hand des Mannes, die auf Kellys Rücken lag, verdrehte sie in einer plötzlichen Bewegung und drückte sie in seinem Rücken zwischen seinen Schulterblättern nach oben. Auch das hatte sie von ihrem Vater gelernt, dem immer wichtig war, dass sie sich als Mädchen verteidigen konnte.

Der Mann ächzte und löste seinen anderen Arm von Kellys Körper, begann dann aber sofort, sich zu wehren. Und da er deutlich kräftiger als Silver war und ihr eben nur das Überraschungsmoment geholfen hatte, verlor sie sofort die Kontrolle über den Mann, der sich lachend nach ihr umdrehte. »Ganz schön mutig, Kleine, muss man dir lassen«, sagte er, fuhr sich mit einer Hand durch seinen langen grauen Bart und musterte Silver bewundernd. Wer Silver sah, glaubte nicht, dass sie dazu in der Lage war, sich gegen einen Mann zu wehren. Sie war recht klein, sehr dünn und hatte eher den Körper einer Sechzehnjährigen, statt den einer Achtzehnjährigen.

»Fass sie noch einmal an und ich schwöre dir, dein Schwanz bleibt die nächsten Wochen in deiner Hose, weil du ihn nicht nutzen werden kannst.« Silver sah von unten in das Gesicht des Mannes hoch, ohne die geringste Angst zu zeigen. Aber sie hatte Angst, nur würde sie sich das niemals anmerken lassen. Wenn man die Dinge erlebt hatte, die sie erlebt hatte, dann lernte man, sich immer stark zu geben.

»Schon gut, Silver«, versuchte Kelly sie zu beruhigen und zog sie ein Stück weiter weg. »So ist das hier. Die Männer versuchen auf jeden Fall, bei den Frauen zu landen. Und die meisten Frauen hier lassen es auch zu. Deswegen kommen sie hierher.«

»Sie zwingen sich den Frauen also auf, weil sie so dreist waren, auf ihre Party zu kommen?«

»So ist das nicht«, sagte eine dunkle Stimme neben ihnen.

Silver sah auf, neben ihnen stand ein Mann mit mittelblondem Haar, das bis auf seine Schulter reichte. Unter seiner Kutte trug er nichts außer zahlloser Tattoos, die sich um seine Muskeln schmiegten. Der Rest von ihm steckte in einer Lederhose und Boots.

»Wir haben Spaß, wir sind keine Vergewaltiger«, sagte er und ließ seinen Blick über Silver gleiten. »Fuck Mädchen, ich hoffe, du weißt, wie heiß du bist.«

Silver runzelte die Stirn. Noch nie hatte sie jemand heiß genannt. Ihr Vater nannte sie seine hübsche Kleine, Susan nannte sie gern Schlampe oder Miststück und in der Schule war sie als Freak bekannt. Heiß war definitiv neu.

»Du bist das erste Mal hier, oder?«, wollte der Kerl wissen und setzte seine Musterung fort, dann warf er einen flüchtigen Blick auf Kelly. »Dich hab ich schon gesehen.«

»Ich geh mir was zu trinken holen«, warf Kelly sichtlich nervös ein, was ungewöhnlich für sie war. Ohne Silvers Reaktion abzuwarten, verschwand sie, nicht ohne einen letzten unsicheren Blick auf den Kerl vor Silver zu werfen. Silver betrachtete ihn genauer. Mit seinen Tattoos, der Lederweste und dieser Größe, die Silver dazu zwang, noch weiter nach oben zu sehen als gewöhnlich, war er wirklich beeindruckend und auch ein wenig furchteinflößend.

»Hast du auch einen Namen?«, wollte der Biker jetzt wissen und trat einen Schritt auf Silver zu, deren sämtliche Nerven sich sträubten und zurückweichen wollten, aber sie rührte sich nicht. Das war der Plan, versuchte sie sich in Erinnerung zu rufen. Geh auf die Party, such dir einen Biker, trink mit ihm, bis er seinen Namen vergessen hat, und lass dir von ihm erzählen, wo sie ihre schmutzigen Geheimnisse verstecken. Rette deinen Bruder. Warum also nicht den erstbesten benutzen. Silver unterdrückte den Schauder, der sich durch ihren Körper rollen wollte, beim Gedanken, zuzulassen, dass dieser Mann sie auf eine Art berührte, wie sie sich noch nie hatte berühren lassen.

»Wie ist denn dein Name«, hakte Silver nervös nach und setzte ein freundliches Lächeln auf. Sie trat einen Schritt auf ihn zu und legte eine Hand auf seine nackte Brust. Er fühlte sich verschwitzt an, klebrig und hart. Auch wenn sie sich vor sich selbst ekelte und eigentlich keine Ahnung hatte, was sie hier tat, sie musste das hier tun. Welche Wahl hatte sie schon? Sie musste tun, was getan werden musste, auch wenn das bedeutete, dass sie heute Nacht ihre Jungfräulichkeit an einen verschwitzten Biker verlor.

»Race. Und jetzt verrätst du mir deinen Namen.«

Blaze

»Mach schon fester«, stöhnte Blaze, krallte seine Fäuste tiefer in das Haar der Clubschlampe, die heute nur für ihn da war. Sie saugte an seinem Schwanz, machte dabei schmatzende Geräusche, und eigentlich sollte alles perfekt sein heute am Jahrestag seiner Kuttentaufe, aber er fühlte sich kaum anders als sonst. Für seine Brüder hatte er ein strahlendes Gesicht aufgesetzt, sie sollten glauben, dass dieser Tag der beste seines Lebens war. Aber das war er nicht. Manchmal glaubte er, er würde nie wieder gute Tage haben.

Er war stolz darauf, endlich ein Vollmitglied zu sein, das Logo der Helldogs auf seinem Rücken tragen zu dürfen, aber den bitteren Beigeschmack, den das alles hatte, konnte er nicht wegschieben. Er war da. Er war immer da. Selbst in den Augenblicken, in denen er sich seinem Vater so nahe fühlte, wie es nur ging. Blaze seufzte, weil die Frau, die vor ihm kniete, sich wirklich Mühe gab, aber er einfach nicht auf Touren kam. Nicht, dass er nicht hart wäre, das war er. Aber er war kaum bei der Sache und fühlte nicht diese alles verschlingende Lust, die er früher gefühlt hatte, wenn er sich mit einer der Clubhuren vergnügt hatte. Sex konnte die frostige Leere in ihm früher für Minuten verdrängen. Mittlerweile funktionierte das nicht mehr. Die Leere breitete sich in ihm immer weiter aus.

»Fuck«, fluchte Blaze, schloss die Augen und versuchte sich verzweifelt auf den Mund zu konzentrieren, der sich an ihm abarbeitete, aber es brachte nichts. Er schlug die Augen wieder auf und sah sich unter den Gästen um, die im Innenhof feierten. Es gab immer Gründe zum Feiern im Club, selbst wenn es nur der Jahrestag einer Kuttenweihe war. Manchmal glaubte er, dass sein Vater so versuchte, die Vergangenheit aus den Köpfen von ihnen allen zu halten. Vielleicht funktionierte das für die meisten hier auch, aber nicht für Blaze.

Blaze suchte den Innenhof nach einem Pärchen ab, dass es in seiner Nähe zur Sache gehen ließ. Vielleicht würde es ihm den letzten Kick geben, wenn er einem seiner Brüder dabei zusehen konnte, wie er einer Schlampe das Hirn rausvögelte. Sein Blick blieb an Race hängen, der sich mit einer Frau unterhielt, die ihm gerade bis zur Brust ging. Sie war sehr schlank und selbst in dieser engen Hose hatte sie kaum Kurven, aber was sie hatte, waren ein paar richtig heiße Titten, die sich gegen das enge dünne Top drückten und nur darauf warteten, dass sie berührt wurden. Das Mädchen hob den Blick und starrte ihn an, als hätte sie gemerkt, dass er sie beobachtete. Ihr Blick versenkte sich regelrecht in seinen und ihre Lippen öffneten sich, als wäre sie schockiert über das, was er hier tat. Diese weit aufgerissenen verunsicherten Augen, die sich auf ihn geheftet hatten, waren so hell wie Silber. Selbst auf mehrere Meter Entfernung konnte er sie leuchten sehen.

»Fuck«, stöhnte Blaze auf und explodierte in den Mund der Clubschlampe. Er kam so schnell, dass er keine Chance hatte, sie vorzuwarnen, aber darüber machte er sich keine Gedanken. Er machte sich viel mehr darüber einen Kopf, dass nur ein Blick aus diesen Augen geschafft hatte, was er seit Monaten nicht mehr erlebt hatte. Er war so heftig gekommen wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. 

»Verschwinde«, sagte er zu der Frau, die vor ihm kniete, und schloss seine Hose. Er griff nach der Flasche Whisky, die er sich vorhin mitgenommen hatte, und nahm einen großen Schluck. Sie starrte ihn noch immer an, während sie weiter mit Race redete, der jetzt einen Arm um ihre Taille schlang und sie gegen seinen Körper zog.

Blaze konnte sich nicht erklären warum, aber zum ersten Mal überhaupt fiel ihm auf, dass viele der Mädchen hier viel zu jung für seine Brüder waren. Dieses Mädchen war es definitiv. Und sie war viel zu heiß für Race. Trotzdem löste sie jetzt ihren Blick von ihm und wandte sich Race zu, schlang ihre Arme um seinen Nacken und ihre Beine um seine Taille, und Race ging mit ihr so in das Clubhaus. Wahrscheinlich wollte er mit ihr in eins der Zimmer verschwinden, wollte sie ganz für sich allein. Blaze war wirklich nahe dran, den beiden zu folgen. Um ihnen zuzusehen. Oder Race zu helfen? Er hielt nichts davon, eine Frau mit einem seiner Brüder zu teilen, obwohl das im Club ständig passierte, aber wenn er sie nur mit Race zusammen haben konnte, dann klang teilen plötzlich verlockend. 

Es musste an diesem düsteren, tief verletzten und traurigen Blick liegen, der in ihren Augen gewesen war, aber Blaze empfand eine Verbindung zu ihr, die er sonst nur zu seiner Schwester empfand. Nur wenige Menschen kannten diese Art Schmerz, den er kennengelernt hatte. Sie kannte ihn ganz offensichtlich.

Blaze fuhr sich durch die Haare, warf einen Blick auf die halbleere Flasche in seiner Hand und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich hatte er einfach nur zu viel getrunken. Er stieß sich von der Wand ab, an der er gelehnt hatte, und ging quer über den Innenhof auf seinen Vater zu, der mit seiner Old Lady Zugange war. Sie saß vor ihm auf einem Tisch, die Beine gespreizt und um seine Taille geschlungen. Daria und er konnten die Finger kaum voneinander lassen, was weder für Blaze noch für den Rest des Clubs ein schöner Anblick war, denn die beiden schoben sich, wo immer sie aufeinanderstießen, ihre Zungen in den Rachen und rieben sich aneinander. Blaze konnte sich besseres vorstellen, als den Anblick seines Vaters, wenn der in seine Hosen ejakulierte.

»Wie gefällt dir deine Party?«, wollte Rogue wissen und Daria leckte sich über ihre geschwollenen Lippen, nahm die Beine von der Taille seines Vaters und versuchte, nicht zu verlegen zu wirken. Sie wurde tatsächlich noch immer rot, wenn Blaze sie beim Herummachen erwischte. Als ob das nicht seit einem Jahr täglich passierte.

»Tolle Party«, murmelte Blaze und mühte sich nicht mit einem Lächeln ab. Alle im Club fanden toll, was mit Rogue und Daria passierte, nur er nicht. Er konnte sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, dass sein Vater eine andere Frau als seine Mutter liebte. Natürlich war er nach seiner Mutter auch noch mit einer anderen Frau verheiratet gewesen, aber das hatte rein praktische Gründe. Sie hatten geheiratet, damit er und seine Schwester ein Zuhause hatten, in dem sie bleiben konnten, während er im Knast saß. Mit dieser Frau hatte Rogue nichts am Laufen. Er wollte seinen Vater dafür hassen, dass er seine Mutter durch eine andere ersetzt hatte, aber das konnte er nicht, weil er zu stolz auf ihn war. Aber Daria, die konnte er hassen.

Rogue löste sich von seiner Frau, nahm Blaze am Oberarm und trat mit ihm ein paar Schritte vom Tisch weg. »Was ist los?«, wollte er mit zornigem Unterton wissen.

Blaze verspannte sich. »Nichts, ich fühl mich nur etwas unruhig«, entschuldigte er sich und senkte den Blick. Rogue war nicht nur sein Vater, er war auch sein Präsident. Und als solchen respektierte er ihn sehr. Nicht so sehr als Vater. Sein Vater grinste. »Du bist erst einen Tag wieder zurück und willst schon wieder los?«

Blaze zuckte mit den Schultern. Thorne und er waren letzte Woche in Deutschland gewesen und hatten ein privates Treffen mit einem Arschloch von den Chinesen. Blaze liebte die Art, wie Thorne die Dinge regelte: blutig, dreckig und … interessant. Der Chinese hatte einen ihrer Waffendeals vereitelt. Eins der wenigen illegalen Geschäfte, denen der Club überhaupt noch nachging. Blaze ballte die Faust, als er darüber nachdachte, wie es sich angefühlt hatte, auf den Kerl einzuschlagen, ihn zu foltern und ihn verbluten zu lassen. Seine aufgestauten Gefühle an einem Drecksack auszulassen, waren in den letzten Monaten die wenigen Augenblicke gewesen, in denen er sich nicht vollkommen leer gefühlt hatte.

»Ich brauche etwas zu tun«, sagte er gelassen, innerlich zog sich jeder Muskel zusammen bei der Vorstellung, bald wieder diesen Kick fühlen zu können, der ihn überwältigte, wenn er jemanden seine Fäuste in die Eingeweide rammte.

Rogue musterte ihn. »Also gut. Kümmer dich um das Problem mit dem Arschloch, das meint, in unserer Stadt Frauen auf den Strich schicken zu können«, meinte er und kniff die Lippen fest aufeinander. Sein Alter hatte mit Prostitution keine Probleme, aber er hasste es, wenn die Frauen dazu gezwungen wurden. Blaze hatte damals nicht viel davon mitbekommen, aber als der Club noch in Glasgow lebte, sind da eine Menge unschöner Sachen passiert, die irgendwann mit dem Tod seiner Mutter geendet hatten. Sein Vater würde also nicht zulassen, dass die Geschichte sich wiederholte. Blaze auch nicht.

Er nickte lächelnd und wollte sich gerade auf den Weg zu seiner Maschine machen, als Rogue ihn nochmal zurückhielt. »Nicht heute, morgen. Du findest raus, wer dieses Arschloch ist, was er sich dabei gedacht hat, sich über unsere Regeln hinwegzusetzen und bringst ihn unter die Erde.«

Blaze ließ die Schultern sinken. »Morgen«, bestätigte er missmutig, auch wenn er es lieber sofort erledigt hätte. Aber als Präsident hatte Rogue das Sagen, das hieß, Blaze würde sich daran halten, egal, was er persönlich darüber dachte. So lief das im Club, und da Blaze einen Großteil seines Lebens im Club verbracht hatte und das hier sein Zuhause war, würde er einen Befehl niemals missachten. Besonders nicht, da sein Vater in den letzten Monaten dazu übergegangen war, ihm und Thorne die schwierigen Aufgaben zu überlassen. Er schonte den Rest des Clubs immer mehr, weil sie alle nach Tolosa gegangen waren, um von dem ganzen Mist der letzten Jahre wegzukommen. Nur kam ein MC nicht einfach so weg von dem Mist, er folgte ihm. Es gab also noch immer Dreck, der erledigt werden musste. Und Blaze erledigte den Dreck nur zu gern, um die Leere mit irgendetwas zu füllen, selbst wenn es nur Gewalt oder Schmerz war.

Enttäuscht beschloss Blaze, sich im Clubhaus eine Flasche Whisky zu gönnen, ein paar Dartpfeile zu werfen und sich dann vielleicht noch einmal einen blasen zu lassen. Oder er würde sich einfach so sehr volllaufen lassen, bis ihn der Alkohol ins Vergessen schickte und er an nichts mehr denken musste. Auch nicht daran, dass er nur zugesehen hatte, als seine Mutter vor seinen Augen verblutet war.

Einer der Hangarounds saß neben Thorne auf dem Sofa, als er in das Clubhaus kam. Die beiden beobachteten eher gelangweilt die Show, die zwei Clubschlampen vor ihnen abzogen. Von hinter der Theke kam ein lautes Stöhnen und die raue Aufforderung irgendeines Kerls, schneller zu machen. Blaze ging um die Theke rum, um nachzusehen, wer sich dahinter vergnügte. Es war nicht die Kleine, von der er gehofft hatte, sie vielleicht hier drin mit Race zu erwischen. Nicht dass er besonders scharf darauf war, Race dabei zuzusehen, wie er eine Frau fickte. Aber der Gedanke gefiel ihm, ihr dabei zuzusehen, wie sie gefickt wurde und dabei vielleicht die Dunkelheit in ihrem Blick durch pure Lust ersetzt wurde.

»Hast du Race gesehen?«, wollte er von Andrew wissen, der eine zweistöckige Torte auf seinen Knien hielt und seine Old Lady ungeduldig dazu drängte, die Kerzen auf der Torte anzuzünden. »Wer hat denn Geburtstag?«

»Niemand, Vera und Bear hatten gestern ihren 25. Hochzeitstag. Wir haben die beiden vorhin belauscht«, meinte Phoebe grinsend. 

»Wenn die gedacht haben, dass sie ohne eine Party davonkommen, haben sie sich geirrt«, fügte Andrew hinzu.

Blaze zuckte mit den Schultern, weil ihn das eigentlich nicht interessierte. Dafür interessierte sich ein Teil von ihm für die Kleine von vorhin. Vielleicht schaffte sie es, diese Leere in ihm für ein paar Minuten zu verdrängen. Sie hatte auf ihn nicht gewirkt, als würde sie hierher gehören. Und das sprach etwas in ihm an, mehr als es sollte. Und es machte ihn neugierig auf sie. Er traf nicht oft Frauen, deren Unschuld ihnen so sehr aus jeder Pore tropfte, dass man es ihnen in den großen unsicheren Augen ansehen konnte. Sie hatte von dem, was in so einem Club abging, keine Ahnung, das hatte ihm ihr erschrockener Blick gezeigt. Und genau das brachte etwas in ihm zum Schwingen, denn er würde sie zu gern in das Leben im Clubhaus einführen.

Blaze schnappte sich eine Flasche Glenfiddich und ging wieder zurück um die Theke herum und rüber zur Dartscheibe, wo er die Flasche öffnete, einen großen Schluck nahm und dann lustlos ein paar Pfeile auf die Scheibe warf. Es interessierte ihn nicht einmal, wo sie stecken blieben. Diese innere Unruhe, die ihn seit dem Tod seiner Mutter quälte, ließ nicht zu, dass er sich auf irgendetwas konzentrierte. Das konnte er nur, wenn er einen Auftrag für den Club erledigte, der möglichst brutal war und ihn endlich wieder etwas fühlen ließ. Und wenn es nur ursprüngliche, alles verzehrende Wut war, mit der er den Schmerz loslassen konnte.

Blaze warf den letzten Pfeil nach vorne, dann beschloss er, sich zusammen mit der Flasche Glenfiddich in den Trainingsraum zurückzuziehen und einem der Sandsäcke die Seele aus dem Leib zu prügeln. Er wollte gerade in den dunklen Flur abbiegen, der auch zu den Gästezimmern führte, als sich eine der Türen öffnete und die Kleine von vorhin ihren Kopf vorsichtig herausstreckte. Blaze wich schnell in die Schatten zurück und versteckte sich so, dass sie ihn nicht sehen konnte. Irgendwas an ihrem Verhalten kam ihn merkwürdig vor. Sie hatte erst den Kopf in den Flur gesteckt, sich umgesehen und dann noch einmal zurück in das Zimmer geblickt, bevor sie leise die Tür geschlossen hatte. Sie schlich auf die Tür zum Büro seines Vaters zu, zog am Griff und stöhnte dann leise auf, dann sah sie sich wieder um und entdeckte mit einem leisen Aufkeuchen Blaze.

»Suchst du etwas?«, hakte er nach und trat aus seinem Versteck, die Flasche Glenfiddich noch immer in den Händen und ein merkwürdiges Gefühl in der Brust, bei dem Gesichtsausdruck, den sie ihm zuwarf. Sie fühlte sich eindeutig ertappt. Und das gefiel ihm nicht. Oder vielleicht doch?

Silver

Silver wollte laut aufschreien vor Frustration. Es hatte sie so viel Mühe gekostet, diesen verschwitzten Biker so betrunken zu machen, dass er ohnmächtig wurde, bevor er in ihr Höschen kam, und jetzt stand ihr der nächste von diesen Kerlen gegenüber. Sie war ihrem Ziel noch keinen Schritt näher gekommen. Egal, wie betrunken sie Race gemacht hatte, wie vorsichtig sie mit ihren Fragen vorgegangen war, er hatte nicht eine einzige beantwortet. Weder wusste sie, wie das Sicherheitssystem im Clubhaus funktionierte, noch welchen Raum sie am meisten schützten. Außer der Videoüberwachung draußen und einer Tür mit einem lächerlich altmodischen Tastenfeld hatte sie nichts gefunden. So wenig sie sich vorstellen konnte, dass jemand etwas Wichtiges auf diese Weise schützen würde, das Zimmer hinter dieser Tür war im Moment ihre beste Option. Und die ihres Bruders, denn an irgendwelche schriftlichen Beweise zu gelangen, würde Josh schneller helfen, als langwierig zu versuchen, einen Fuß in diesen Club zu bekommen und darauf zu hoffen, dass man ihr etwas Nützliches verraten würde.

Race hatte es ihr gezeigt, er konnte noch so betrunken sein, er hatte ihr nichts gesagt. Er hatte ihr nicht einmal Drogen angeboten, als sie danach gefragt hatte. Im Gegenteil, er hatte wütend gewirkt, also hatte sie das Thema sofort wieder fallenlassen. Aber irgendetwas musste sie dem Polizisten liefern, der sie vor einer Woche bei einem Einbruch erwischt hatte und sie jetzt damit erpresste, ihr jede Chance darauf, ihren Bruder zurückzubekommen, zu verbauen, wenn sie ihm nicht half, den Club auszuschalten.

Silver sah dem anderen Biker trotzig ins Gesicht. »Ich suche die Toilette«, sagte sie.

Der junge Biker zog eine Augenbraue hoch. Er war etwa so alt wie Silver, wirkte nicht ganz so gefährlich wie mancher von den älteren im Club, aber noch immer deutlich gefährlicher als jeder andere Mann in seinem Alter, dem Silver jemals begegnet war. Er kam ein paar Schritte näher, legte langsam den Kopf schief und musterte Silver in aller Ruhe, bevor er mit einem gierigen Lächeln wieder nach oben sah. »Wie kommst du darauf, wir könnten die Toilette mit einem Zahlencode sichern?«, wollte er wissen und nickte zum Tastenfeld hin, auf dem Silver eben noch ihre Finger hatte. Silver schluckte und spürte, wie Hitze in ihrem Körper aufstieg. Sie unterdrückte die Versuchung, ihre Hände an ihrer Kleidung abzuwischen, stattdessen schwankte sie etwas hin und her und tat so, als wäre sie betrunken.

»Du meinst, das ist nicht die Toilette?«, sagte sie lallend und trippelte jetzt von einem Fuß auf den anderen, als müsste sie ganz dringend.

»Nein, ist es nicht.« Der Biker wies mit dem Kinn zum Ende des Gangs. »Dort ist die Toilette.« Dann warf er einen Blick über die Schulter zurück. »Und dort hinten rechts vom Eingang gibt es noch eine Toilette.«

»Dann hab ich mich wohl verlaufen«, gab Silver zurück und hatte Mühe, ihre Frustration aus ihrer Stimme zu halten. Das lief überhaupt nicht so, wie es geplant war. Und darüber ärgerte Silver sich sehr, denn jede Minute, die Josh nicht in Sicherheit war, würde ihn vor Angst wahnsinnig machen. Und sie auch. 

Als sie versuchte, an dem Biker vorbeizukommen, packte er sie am Unterarm und sah sie unter zusammengekniffenen Lidern hervor an. Silver unterdrückte einen Schauder. Diese Biker machten ihr irgendwie Angst, sie konnte sie nicht einschätzen. Jeder einzelne von ihnen hatte etwas Furchterregendes an sich. Und diesen grimmigen, harten Blick schienen sie alle gemeinsam vor einem Spiegel zu üben, anders konnte sie es sich nicht erklären, dass wirklich jeder Mann hier es schaffte, Silvers Puls zum Rasen zu bringen, nur indem er sie ansah.

»Wie heißt du?«, wollte der junge Biker wissen, leckte sich mit der Zunge über seine volle Unterlippe und trat dann noch einen Schritt näher auf sie zu. So nahe, dass sie jetzt sein herbes Aftershave riechen konnte und den ledrigen Geruch seiner Kutte. Silver versuchte sich loszumachen und zog an ihrem Arm. »Hast du keinen Namen?«

»Ich habe einen, aber ich wüsste nicht, warum ich ihn dir sagen sollte.«

»Weil man sich vorstellt, wenn man jemandes Zuhause betritt«, sagte er düster und sein Griff um ihren Unterarm wurde fester.

Silver holte zitternd Luft. Am liebsten hätte sie diesem Typen an seinen langen dunkelblonden Haaren gezerrt, aber da sie kein trotziges kleines Mädchen mehr war, verzichtete sie lieber darauf, diesem Impuls nachzugeben. »Silver«, sagte sie knapp, riss noch einmal an ihrem Arm und diesmal ließ er sie los. So abrupt, dass sie rückwärts stolperte und sich erst nach zwei Schritten wieder fangen konnte.

»Ich bin Blaze«, sagte er. »Und da wir uns jetzt kennen, kannst du mir sagen, wonach du gesucht hast.« Sein Blick hatte sich noch immer nicht aufgehellt, aber mittlerweile beeindruckte das Silver nicht mehr so sehr. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte provozierend.

»Ganz einfach, ich habe eine gut gesicherte Tür gesehen und bin neugierig geworden.«

»Also versuchst du immer, wenn du eine geschlossene Tür siehst, sie aufzubrechen?«

Silver hielt seinem herausfordernden Blick stand und nickte. »So bin ich nun mal.« Sie nutzte die deutliche Verwirrung in Blazes Gesicht und schob sich einfach an ihm vorbei, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen. Was ihr nicht leicht fiel, denn dieser Typ hatte etwas an sich, dem selbst sie sich nur schwer entziehen konnte. Aber irgendwie traf das auf alle Männer hier zu. Das musste an diesem Bad Boy-Ding liegen. Dem konnte sich wohl keine Frau wirklich entziehen. Es machte ihr Angst, aber es zog sie auch an. Obwohl jede Frau wusste, dass sie diesem Gefühl nicht nachgeben sollte, konnte keine sich lange dagegen wehren, weil es aufregend war, beängstigend und deswegen spannend.

Selbst Silver, die es besser wissen müsste, hatte es schwer gehabt, Race nur betrunken zu machen und sich ihm nicht hinzugeben. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass, wäre sie mit Blaze in dieses Zimmer gegangen, sie nicht hätte widerstehen können. Obwohl er nur halb so hart wie Race wirkte auf den ersten Blick, hatte er etwas extrem Finsteres in seinem Gesichtsausdruck. So als käme diese Dunkelheit direkt aus seiner Seele. Silver rieb sich über die fröstelnden Arme und beeilte sich, aus dem Clubhaus zu kommen, denn sie fühlte seinen bohrenden Blick noch immer in ihrem Rücken. Zumindest wusste sie jetzt, diese Biker waren misstrauisch. Sehr sogar, was hieß, sie hatten tatsächlich etwas zu verbergen. Jetzt musste sie nur noch herausfinden was, um Josh aus den Fängen der Behörden befreien zu können.

»Hast du was?«, wollte Kelly wissen und runzelte die Stirn, als sie Silvers Gesichtsausdruck bemerkte. »Ist was passiert?« Besorgt legte sie eine Hand auf Silvers Arm.

Silver atmete tief durch und schüttelte den Kopf. »Nein, nichts herausgefunden und beinahe erwischt worden.«

»So ein Mist«, fluchte Kelly. »Vielleicht war es nicht die beste Idee, etwas zu versuchen, solange hier so viele Biker rumlaufen. Du wolltest dich doch nur umsehen.«

Silver presste die Lippen aufeinander. Sie wusste ja selbst, wie dumm es war, sozusagen mit der Tür ins Haus zu fallen, statt sich genau vorzubereiten, aber eigentlich hatte sie nicht die Zeit für lange Vorbereitungen und Recherchen. »Ich will Josh doch nur helfen«, antwortete sie seufzend. Sie sah auf, als jubelnde Rufe laut wurden. Ein paar Biker feuerten zwei Männer an, die sich in der Mitte des Hofs prügelten. Immer mehr umringten die Kämpfenden, bis sie inmitten der Körper verschwunden waren und Silver nur noch eng beieinander stehende Rücken sehen konnte, die zu einer harten Front aus Lederkutten wurden. »Ich kann nicht zulassen, dass er das alles noch einmal durchstehen muss. Er muss panische Angst haben.«

Kelly schlang die Arme um Silver und zog sie an sich. »Nicht alle Pflegefamilien sind so«, sagte sie leise. Das wusste Silver auch, aber ihre Angst war davon nicht zu überzeugen. Sie war einfach da und versorgte sie mit den schlimmsten Bildern überhaupt. Und das alles waren keine Fantasiebilder. Sie waren in ihrem Kopf, weil sie sie wirklich gesehen hatte. »Hast du alles, was du brauchst?«, fragte Kelly und löste sich von Silver.

»Ich denke schon. Ich werde es versuchen, wenn hier mal nicht so viele Menschen sind.«

Kelly grinste. »Dann hab ich vielleicht gute Neuigkeiten für dich. Am nächsten Wochenende befindet sich der ganze Club auf einer Ausfahrt. Sie fahren nach Edinburgh zu T in the Park.«

»Was ist das?«

»Ein Rockfestival, das einmal im Jahr für ein Wochenende stattfindet. Hier wird also niemand sein. Ein ganzes Wochenende lang nicht.«

Silver schlang Kelly die Arme um den Körper und hob sie hoch. »Du bist die Beste!«

»Ich weiß.«

»Darf ich vielleicht mitmachen?«, wollte jemand wissen.

Silver ließ ihre Freundin los und wandte sich zu der Stimme um. Es war der junge Biker von vorhin, der mit in die Taschen geschobenen Händen ein paar Schritte entfernt stand, scheinbar völlig unberührt von dem Tumult hinter ihm, und Silver angrinste.

»Du schon wieder«, gab Silver zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Er legte den Kopf schief, fuhr sich über seine Lippen – seine Unterlippe war viel voller als seine Oberlippe, irgendwie gefiel Silver das. »Solange du hier bist, bin ich dein Schatten.«

»Warum?«, wollte Kelly wissen, während Silver sich noch unbehaglich wand. Kelly machte einen Schritt vor und stellte sich schützend vor Silver. Ihre Freundin konnte wie eine Löwin sein, wenn es um Silver oder Josh ging.

»Weil ich ihr nicht traue«, antwortete Blaze, ohne den Blick von Silver zu nehmen.

Silver trat hinter Kelly hervor. Sie wollte nicht, dass er glaubte, sie würde sich vor ihm verstecken, weil sie feige war. »Das ist nett, ohne einen Bodyguard kann man sich hier schon ziemlich unsicher fühlen. Zu viel Testosteron«, sagte sie und ließ ihren Blick abfällig über seine zur Schau gestellten Tattoos und Muskeln gleiten. Es war offensichtlich, dass er versuchte, unter all den viel älteren Männern hier im Club nicht als der Schwächste zu gelten. Er gab sich Mühe, sich zu integrieren und doch bemerkte Silver sofort, dass er nicht wirklich ein Teil von ihnen war. Er wirkte wie ein Außenseiter inmitten von Außenseitern.

Blazes Blick strich über Silvers Körper, dann trat ein selbstzufriedenes Lächeln auf seine Lippen. »Es gibt eben Bodys, die es wert sind, beschützt zu werden. Und es gibt Bodys, die es nicht sind. Deiner sollte unbedingt beschützt werden.«

Silver schnaubte abfällig.

»Ich lass euch dann mal allein«, warf Kelly eilig ein und lächelte unsicher. »Ihr versteht euch so gut, ihr schafft das auch ohne mich.«

»Du hast Race ganz schön fertiggemacht«, sagte Blaze und musterte Silver noch neugieriger. Er fuhr sich über seinen scharf geschnittenen Kiefer und schüttelte eine dunkelblonde Strähne aus seinem Gesicht. Seine Haare fielen in weichen Wellen bis unter sein Kinn und unter sein Auge hatte er sich eine einzelne Träne tätowieren lassen. Es verstörte Silver, wie merkwürdig sie sich unter seinen Blicken fühlte. Für gewöhnlich war sie viel lockerer in der Nähe von Männern, aber Blaze löste diese Hitze in ihr aus, die sich in ihrem Gesicht niederschlug und bewirkte, dass sie nervös auf ihrer Unterlippe herumkaute. Sie hasste es, wenn sie sich so peinlich berührt fühlte, so als müsse sie sich einer strengen Prüfung unterziehen.

»Ich habe gar nichts getan«, verteidigte sie sich. »Er war so betrunken, dass er schon auf dem Bett lag und eingeschlafen war, noch bevor ich die Tür hinter uns zugezogen hatte.«

Blaze lachte. »Dann hast du also noch nicht bekommen, weswegen du gekommen bist?«

Silver spannte sich an. »Wie meinst du das?« Wusste er wirklich, weswegen sie hier war? Woher? Hatte Mendez sie verraten und wollte gar nicht, dass sie Erfolg hatte? War es nie darum gegangen, ihm die Helldogs auszuliefern, sondern Silver an den MC auszuliefern? Silver rieb sich über ihr Brustbein, als ihr Herz anfing zu rasen.

»Du bist noch nicht gefickt worden.« Blaze grinste breit und kam einen Schritt näher, dann beugte er sich zu ihrem Ohr und flüsterte: »Ich kann dir geben, was du brauchst.«

Silver wich erschrocken zurück und riss die Augen auf. »Deswegen bin ich nicht hier«, empörte sie sich. Für wen hielt dieser Kerl sie?

»Alle sind deswegen hier«, warf Blaze grinsend ein.

Silver sah sich auf dem Innenhof um, aber sie wusste auch vorher schon, dass Blaze recht hatte. Überall waren Frauen mit Bikern zugange. Knieten vor ihnen, saßen auf ihnen oder hatten ihre Beine um ihre Taillen geschlungen. »Deswegen bin ich bestimmt nicht hier.«

Blaze kam wieder näher, legte einen Arm um ihre Taille und zog sie an seinen Körper. »Dann hättest du nicht herkommen dürfen«, flüsterte er.

Silver erstarrte, als sie seinen heißen Atem auf ihrer Wange spürte und dann seine feuchte Zunge über ihren Hals strich. Ihr Puls begann zu rasen und ihr Magen zog sich panisch zusammen. Aber da war noch eine viel verstörendere Reaktion ihres Körpers: zwischen ihren Beinen zuckte es verlangend. Hastig löste Silver sich aus der Umarmung und stießt Blaze grob von sich. »Das wird ganz bestimmt nicht passieren.«

Blaze grinste. »Vielleicht nicht heute.« Er wandte sich von ihr ab und ließ sie stehen, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen. Silver war so verwirrt, dass sie ihm atemlos nachstarrte. Sie würde bestimmt nicht warm werden mit diesen Bikern. Sie waren auf eine faszinierende Weise abstoßend direkt und zugleich anziehend. Und einschüchternd. Und Silver hasste es, sich nicht stark zu fühlen. Sie brauchte das Gefühl, über alles die Kontrolle zu haben. Leider hatte sie dieses Gefühl in der letzten Zeit nicht oft. Vielmehr entglitt ihr alles. Ganz besonders Josh. Und das gab ihr eher das Gefühl, völlig hilflos zu sein. Sie musste die Kontrolle zurückgewinnen und das konnte sie nur, indem sie diesen Auftrag irgendwie hinter sich brachte.

 

2. Kapitel

 

Silver

Kelly rümpfte die Nase, als sie den Trailer betraten. Entschuldigend sah Silver sie an, klemmte einen von ihren Schuhen, die neben der Tür lagen, in den Rahmen und sorgte so dafür, dass die Tür offen blieb. Dann eilte sie zum Fenster über der kleinen Küchenzeile und schob es nach oben.

Silver sah sich im Wohnbereich des Trailers um und entdeckte den Fleck mit Erbrochenem direkt vor dem Sofa. Susan lag davor auf dem Boden, ihr Haar in der Pfütze und die Augen geschlossen. Jedes Mal, wenn Silver sie so fand, hoffte ein Teil von ihr, dass sie tot wäre, und gleich darauf hatte sie wegen dieser Gedanken ein schlechtes Gewissen, denn sie wusste auch, wie schlecht eine Mutter vielleicht auch sein mochte, es war besser eine zu haben, als keine zu haben.

»Hilfst du mir, sie auf das Sofa zu legen?«, bat Silver Kelly und wusste, dass das viel verlangt war, denn ihre Freundin hielt mittlerweile überhaupt nichts mehr von Susan. Trotzdem packte Kelly sie an den Fußknöcheln und gemeinsam legten sie Joshs Mutter auf das ausgeklappte Sofa.

Mit einer Schüssel und einem feuchten Lappen reinigte Silver zuerst Susans Gesicht und Haare, bevor sie den Boden wischte. Es vergingen mehrere Minuten, bis Susan das erste leise Stöhnen von sich gab und dann die Augen öffnete.

»Du bist schon zurück?«, murmelte sie undeutlich. »Wo ist Josh?«, fügte sie noch an, dann war sie schon wieder weggetreten.

»Du solltest wirklich mit zu mir kommen. Du könntest erstmal bei mir wohnen«, schlug Kelly vor. Das hatte sie ihr in den letzten Tagen, seit Josh abgeholt worden war, immer wieder vorgeschlagen. Und Silver hatte es immer wieder abgelehnt.

»Du hast eine winzige Einraumwohnung. Ich will dir nicht zur Last fallen.«

»Du bist meine beste Freundin, du fällst mir nicht zur Last«, entrüstete Kelly sich und begann, die herumliegende Kleidung von Susan aufzusammeln und in den Wäschesack zu werfen, mit dem Silver einmal in der Woche zu Kelly ging.

»Ich muss mich um sie kümmern, wer soll es sonst tun?«

»Niemand«, zischte Kelly, dann lächelte sie Silver entschuldigend an. »Tut mir leid.«

Silver seufzte. »Sie ist Joshs Mutter, er braucht sie.«

»Er braucht dich. Sie ist unbrauchbar«, schnappte Kelly und wies mit dem Kinn auf die bewusstlose Frau, deren strähnige Haare ihr Gesicht bedeckten.

Silver zog eine Braue hoch. »Trotzdem liebt er sie.«

»Ich weiß«, gab Kelly stöhnend zu. »Ich kann nur nicht ertragen, dass du so leben musst. Ich hatte so gehofft, dass das endlich alles vorbei wäre, jetzt wo du volljährig bist.«

Silver nickte, weil sie das auch gehofft hatte. Der Plan war, so lange vor dem Jugendamt zu fliehen, bis sie das Sorgerecht für Josh beantragen konnte und dann das Leben auf der Straße, in ständiger Angst, zu beenden und Josh ein richtiges Leben zu ermöglichen. Und dann, ausgerechnet an dem Tag, wo alles hätte ein Ende haben können, holte die Realität sie alle wieder ein. »Vielleicht bekomme ich die Stelle als Kellnerin«, sagte Silver leise.

»In einer Stripbar!«, betonte Kelly und schüttelte den Kopf. »Das Jugendamt wird begeistert sein. Es könnten noch Wochen vergehen, bis du einen guten Job und eine Wohnung gefunden hast. Der Einbruch war die beste Option«, warf Kelly ein.

»Bis ich erwischt und von einem Gesetzeshüter erpresst worden bin.« Silver räumte das Geschirr in die Spüle, ließ Wasser in den Wasserkocher ein und gab Spülmittel über das Geschirr. »Jetzt muss ich ihm helfen, diese Biker zu überführen, um nicht im Gefängnis zu landen, denn dann hätte Josh überhaupt keine Chance mehr.«

Kelly lachte leise. »Das mit den Bikern hat auch nicht so gut geklappt. Du musst zugeben, dein Vater wäre im Moment ziemlich hilfreich.«

Silver fiel in Kellys Lachen ein. »Wäre er, aber um ihn aus dem Gefängnis zu bekommen, müssten wir erst in ein Gefängnis einbrechen. Und du siehst ja, wie gut ich das mit dem Einbrechen ohne seine Hilfe hinbekomme.«

Kelly nahm sich seufzend das Geschirrtuch und begann, das Geschirr abzutrocknen, das Silver gespült hatte. »Ich wette, diese Biker würden das hinbekommen.«

Silver lachte wieder. Langsam fühlte sie sich wieder besser. Ihre Stimmung war nach dem Reinfall im Club im Keller gewesen, sie hatte sämtliche Hoffnungen verloren und innerlich schon aufgegeben gehabt. Aber aufgeben konnte sie sich nicht leisten. Josh war das Wichtigste in ihrem Leben. »Es war dumm von mir, es sofort heute zu versuchen. Ohne Vorbereitung.«

»Du wolltest Josh eben so schnell wie möglich dort rausbekommen.«

Silver lehnte sich an die Küchenzeile und sah Kelly traurig an. »Und wenn der Polizist mir gar nicht helfen will? Wenn er nur seine Beweise will und dann damit verschwindet? Ich habe noch immer kein vernünftiges Zuhause.« Silver verdrehte die Augen. »Und der Job in der Stripbar … ich denke, du hast recht. Das ist hoffnungslos.«

Kelly stellte einen Teller in den Schrank. »Du schaffst das und alles wird gut«, sagte sie und klang sich ihrer Sache sicher. »Du schaffst immer alles.«

Silver seufzte leise. »Diesmal vielleicht nicht.«

Susan stöhnte auf dem Sofa schmerzerfüllt auf, dann rumste es dumpf, als sie vom Sofa fiel und fluchend aufbrüllte. »Warum ist Josh noch immer nicht hier?«, wollte sie stöhnend wissen, richtete sich ächzend in eine annähernd sitzende Position auf und rieb sich über das Gesicht.

»Weil Josh in einer Pflegefamilie ist«, antwortete Kelly gefrustet. Sie verdrehte die Augen in meine Richtung. »Ich glaube, sie kommt zu sich.«

»Ja, wenn man das so nennen kann«, fügte Silver angespannt an. Gerade konnte sie sich nicht entscheiden, womit sie sich besser fühlen würde: Mit einer im Kopf einigermaßen klaren Susan, die verstand, was mit Josh gerade geschah. Oder mit einer Susan, die zu benebelt war, um es zu verstehen und damit auch nicht in der Lage, den ganzen Wohnwagen kurz und klein zu schlagen vor Wut. Auch Susan war nur allzu bewusst, was in der letzten Pflegefamilie mit Josh geschehen war. Das war ein Grund, warum es mit ihr immer schlimmer geworden war und sie sich jetzt in dieser Situation befanden. Susan kannte nur einen Weg, um mit Schuld, Schmerz und Verlust umzugehen: sie ertränkte die Erinnerungen und Gefühle, statt sie zu verarbeiten.

Susans Blick richtete sich auf Silver, dann verengten sich ihre Augen zu wütenden Schlitzen. »Du hast sie ihn mitnehmen lassen«, schrie sie auf. Es würde also die wütende Susan sein. Sie war die, die Silver am meisten fürchtete.

»Ich war nicht hier, als sie gekommen sind, tut mir leid«, sagte Silver. Sie fühlte sich deswegen wirklich nicht gut, aber sie war auf der Suche nach einer Zukunft für Josh und sich gewesen.

Susan hievte sich schwerfällig vom Boden hoch, als sie endlich stand, schwankte sie gefährlich. Sie streckte sich langsam, wahrscheinlich war jeder Muskel ihres Körpers steif, dann richtete sich ihr Blick wieder auf Silver und Kelly. »Ihr zwei habt ihn nicht beschützt?«

Kelly versteifte sich neben Silver spürbar. »Wäre das nicht auch deine Aufgabe? Wenn sie dich hier nicht völlig komatös vorgefunden hätten, dann hätte das Jugendamt vielleicht anders entschieden.« Kelly war es schon immer leichter gefallen, offen mit Susan zu sprechen und ihr Vorwürfe zu machen, sobald sie wieder einigermaßen bei Verstand war.

Silver schaffte das irgendwie nicht, obwohl Susan war, wie sie eben war, empfand Silver noch immer Respekt für die Frau, die Josh einst eine gute Mutter gewesen war. Bevor ihr das Leben das hier angetan hatte.

Susan wankte auf Kelly zu, hob eine Hand, als wolle sie Silvers Freundin schlagen, überlegte es sich aber dann anders und wandte sich Silver zu. »Wo ist er?«

»Ich weiß es nicht. Du kennst die Regeln doch, man erfährt nicht, wo die Kinder untergebracht werden.« Silver sparte es sich, anzufügen, dass die Ämter das so handhabten, um die Kinder und Pflegefamilien vor unangenehmen Situationen mit den Eltern zu schützen. Aber unangenehme Situationen entstehen leider auch oft ohne Zutun der leiblichen Eltern in den Pflegefamilien. Bei dem Gedanken wurde Silver sofort wieder flau im Magen. Silver wusste das nur zu gut. Die Pflegefamilie, in die man sie gesteckt hatte, hatte Silver den gesamten Haushalt putzen lassen. Silver hatte in einem begehbaren Kleiderschrank schlafen müssen. Und sie hatte die widerwärtigen Blicke und Kommentare des Pflegevaters ertragen müssen. Die Heirat ihres Vaters mit Susan hatte sie wahrscheinlich vor Schlimmerem bewahrt.

Silver schüttelte die Erinnerungen ab und konzentrierte sich wieder auf Susan, die wutschnaubend einen Teller quer durch den Wohnwagen warf und kreischend fluchte und Silver und Kelly beschimpfte, die in ihren Augen versagt hatten. Kelly hatte ganz bestimmt nicht versagt. Aber Silver hatte es, denn sie hätte besser von ihrem Vater lernen müssen. Silver konnte hier nicht herumstehen und mit Susan debattieren. Sie musste sich Gedanken über den geplanten Einbruch in das Clubhaus von wahrscheinlich gefährlichen Bikern machen. Und sie brauchte einen Job.

Blaze

Blaze schlang sich ein Handtuch um die Hüften und verließ sein Bad. Im Vorbeigehen warf er einen Blick nach draußen, wo zwei Prospects am Tor standen und das Clubgelände vor Eindringlingen schützen sollten. Er und diese beiden Prospects waren im Moment die Einzigen auf dem Gelände, alle anderen befanden sich an diesem Wochenende in Schottland. Manchmal genoss Blaze die Stille, die sich über das Clubgelände legte, wenn alle auf einem Ausflug waren. Nicht einmal Vera, die sonst viel zu gern zurückblieb, hatte sich diesen Ausflug entgehen lassen. Aber im Moment war Blaze viel zu unruhig, um die Ruhe zu genießen. Selbst die zahllosen Prellungen und Blessuren, die er nach dem Trainingskampf gegen Thorne gestern davongetragen hatte, schafften es nicht, ihn zu erden. Eigentlich entkräftete ein harter Kampf Blaze für einige Tage und verlieh ihm genug innere Ruhe, um sich endlich mal entspannt zu fühlen. Aber dieses Mal wollte Blaze nur sofort wieder in den Ring steigen, um sich eine weitere Tracht Prügel abzuholen.

Als er über das Tor hinaus sah, stand da eine dunkle Gestalt auf der anderen Straßenseite. Sie trug einen schwarzen Kapuzenpulli, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und musterte das Tor des Clubs. Dass es sich dabei um eine Frau handelte, erkannte Blaze nur an der engen Jeans, die sich um ihre Schenkel schmiegte. Eigentlich sollte er sich keine Gedanken darüber machen, es passierte oft, dass Menschen auf der anderen Seite standen und das Clublogo am Tor argwöhnisch musterten. Sie trauten dem Motorradclub nicht, der plötzlich in ihrer Stadt aufgetaucht war, obwohl Tolosa es nur ihnen zu verdanken hatte, dass die Spanish Horses es nicht mehr schafften, aus diesem malerischen Baskenstädtchen eine Drogenhölle zu machen. Tolosa hatte etwa 20.000 Einwohner und war nicht besonders groß. Die Stadt lebte vom Tourismus, eine kriminelle Bande wie ein MC passte da einfach nicht ins Bild. Nicht einmal, wenn dieser MC die Stadt vor dem Untergang gerettet hatte.

Aber an dieser Frau war etwas anders, Blaze spürte es. Ihr Interesse war zu intensiv, es ging über ein argwöhnisches Mustern hinaus, dazu stand sie schon zu lange dort, völlig bewegungslos. Fast, als wäre sie tief in ihren Gedanken versunken. Seine Neugier war geweckt, er wollte zu gern wissen, wer sich unter dieser Kapuze verbarg. Selbst auf die Gefahr hin, dass er eine Enttäuschung erlitt, weil sie niemand anders war als eins der Mädchen, die sich in den Kopf gesetzt hatten, unbedingt einen seiner Brüder für sich zu erobern, und dann auf der Nase gelandet waren. Manche dieser Mädchen konnten nur schlecht mit einer Abweisung umgehen.

Während er sich anzog, beobachtete er sie weiter von seinem Fenster in der oberen Etage des Apartmenthauses aus. Sie stand einfach da, den Blick auf den Club gerichtet, als würde sie auf etwas warten. Und dann schob sie die Kapuze vom Kopf. Und hervor kam dieses tiefschwarze, glänzende Haar, das er schon vor ein paar Tagen bewundert hatte. Ihre silbrig-blauen, fast grauen Augen waren ihm seitdem nicht aus dem Kopf gegangen. Weil sie in einem so starken Widerspruch zu ihrem Haar standen und perfekt zu ihrem Namen passten. Silver. Als er ihren Namen in Gedanken aussprach, beschleunigte sein Puls sich etwas und in seinem Schwanz zuckte es. Sein Schwanz war noch immer enttäuscht von ihm, weil er sich nicht genug Mühe gegeben hatte, die Kleine in sein Bett zu holen.

Er schlüpfte schnell in seine Kutte, stürmte aus seiner kleinen Wohnung und die Stufen nach unten. Ohne die beiden Anwärter zu beachten, lief er eilig über den Hof und öffnete die kleine Tür, die im Tor integriert war. Er trat vor das Tor, sein Blick suchte die Straße ab, aber Silver war verschwunden. Mit tief gerunzelter Stirn stand er einen Moment nachdenklich da. Das war seine zweite merkwürdige Begegnung mit Silver. Er hatte zwar keine Ahnung, was er sich eben von ihr erhofft hatte, was er geglaubt hatte, von ihr zu bekommen, aber mehr als das Grummeln, das sich jetzt in seinem Magen breit machte, auf jeden Fall. Ein wenig enttäuscht starrte er die Straße nach unten, aber das flaue Gefühl, das er schon vor ein paar Tagen bei ihr hatte, war stärker geworden. Warum hatte sie hier gestanden? Was wollte sie?

Blaze trat durch die Tür zurück, schloss sie und wandte sich an die beiden Anwärter. »Wenn sie zurückkommen sollte, will ich, dass ihr mir sofort Bescheid gebt.«

Die beiden sahen sich kurz an. Wahrscheinlich fragten sie sich, ob sie etwas falsch gemacht hatten? Seit wann der Club sich an zu neugierigen Einwohnern störte? Vielleicht hatten sie sie auch einfach nur für eine der Clubschlampen gehalten, die scharf auf einen der Brüder war? Aber Blaze wusste irgendwie, dass mehr dahinter steckte. Sie war nicht einfach nur eine Frau, die mit einem Bad Boy rummachen wollte. Etwas an ihr ließ sämtliche Alarmglocken in ihm läuten. Sie machte ihn neugierig. Und das störte ihn, nagte an ihm. Es gab ihm das Gefühl, eine Aufgabe nicht erledigt zu haben.

»Wird erledigt«, sagte Emilio mit einem grimmigen Brummen. Emilio war erst seit Kurzem Anwärter, vorher eine Weile Hangaround, und schon damals sehr fokussiert und pflichtbewusst. Blaze mochte ihn, aber mehr auch nicht.

Mit einem Nicken ließ er die Anwärter stehen und lief in das Clubhaus rüber. Gerade als er die Tür öffnen wollte, brummte sein Handy in seiner Hose. Er zog es aus der Tasche und schüttelte den Kopf, als er das Foto betrachtete, das Race ihm geschickt hatte. Race hatte ein Selfie von sich mit zwei nackten Frauen gemacht. Sie waren von oben bis unten mit Schlamm bedeckt, als hätten sie sich vor dem Zelt im Dreck gewälzt. Was sie wahrscheinlich auch getan hatten. Wahrscheinlich versank man auf dem Festivalplatz wie jedes Jahr bis zu den Knien im Schlamm. 

»Du verpasst einen heißen Vierer, Bruder«, hatte Race unter das Foto geschrieben.

Race und er hatten in den letzten Monaten eine Menge heiße Dreier und Vierer gehabt. Zu Beginn hatte Blaze Spaß, aber all das Herumgeficke hatte seinen Glanz verloren in der letzten Zeit. Eine Frau war wie die andere und in seinen Erinnerungen verschmolzen sie alle zu einem verschwommenen Bild, das rein gar nichts in ihm auslöste als Abscheu vor sich selbst.

Ohne zu antworten, schob Blaze sein Handy zurück in seine Tasche. Niemand musste von Silver wissen. Noch war sie einfach nur ein wenig neugierig. Es reichte, wenn sie sein Problem blieb. Der Gedanke gefiel ihm besser, als der, sie mit seinen Brüdern teilen zu müssen.

Silver

Nervös sah sie auf die Uhr, die über der Tür einer Bankfiliale angebracht war. Er müsste jede Sekunde kommen und sie konnte ihm nichts geben. Sie war eben nicht ihr Vater. Vielleicht war es aber auch leichter, wenn man wie ihr Vater einen bestimmten Gegenstand stehlen sollte. Wenn man wusste, wonach man suchen sollte. Alles, was sie vorbringen sollte, um ihren Bruder retten zu können, waren Beweise, die der Polizist gegen den Club benutzen konnte. Außer der bewaffneten Wachmänner am Tor hatte sie gar nichts. Und unter bestimmten Bedingungen konnte fast jeder einen Waffenschein bekommen. Wahrscheinlich war es auch gar nicht das, wonach der Polizist suchte. Zumal jeder, der am Tor des Clubs vorbeiging oder eine der Partys besuchte, selbst sehen konnte, dass Männer mit Pistolen das Gelände bewachten. Dazu brauchte der Polizist nicht Silver.

Sie schob den Nagel ihres kleinen Fingers zwischen ihre Lippen und knabberte darauf herum. Auf ihrer Stirn stand Schweiß, was nicht allein an den sommerlichen Temperaturen lag, sondern auch an ihrer Angst, die wie die Klaue eines wilden Tieres ihr Herz umfangen hielt. Sie war verzweifelt und machte sich so große Sorgen um ihren Bruder, dass sie kaum atmen konnte. Vielleicht hätte sie sich noch mehr bemühen müssen. Vielleicht hätte sie mit Race schlafen sollen, statt ihn nur betrunken zu machen? Sie hätte mit jedem im Club schlafen können, bis irgendjemand irgendetwas gesagt hätte und sie zumindest gewusst hätte, wonach sie suchen soll. Wo sie suchen soll.

»Was hast du?«, fragte der Mann mit der Halbglatze, blieb vor ihr stehen, nahm seine Sonnenbrille ab und ließ seinen Blick über Silver gleiten.

»Es gab eine Party, auf der waren nicht nur Mitglieder der Helldogs, da waren auch andere Clubs. Sogar aus Deutschland.«

Mendez zog eine Augenbraue hoch. Der Mann war groß, breitschultrig, aber nicht muskulös. Seine Statur war eher füllig. Er trug keine Uniform, sondern normale Freizeitkleidung. An dem Tag, als er sie bei dem Einbruch in die Villa erwischt hatte, da war er im Dienst und war gerade mit seinem Dienstwagen an dem Anwesen vorbeigefahren, in das Silver eingedrungen war. Silver war nicht bewusst gewesen, dass sie einen stillen Alarm ausgelöst hatte. Ihrem Vater wäre das nicht passiert. Aber statt sie festzunehmen, hatte er sie erpresst, weil er sie sofort wiedererkannt hatte. »Haben sie Drogen konsumiert, Waffen verkauft? Frauen prostituiert?«, wollte er wissen und klang reichlich genervt, weil er Silver jedes Wort aus der Nase ziehen musste.

Silver schluckte nervös. »Nein, aber da waren viele Frauen.«

»Waren sie freiwillig da?«

Silver wand sich. Sie war niemand, die log. Und was würde das auch bringen? »Ja, waren sie.« Sie räusperte sich, ballte die Hände zu Fäusten. »Mein Bruder …«

Mendez verzog das Gesicht. Man sah ihm an, dass er nicht erfreut war und deutlich mehr erwartet hatte als das, was er auch allein hätte herausfinden können. Was er wollte, waren richtig Beweise, die ihm dabei helfen würden, den MC zu beseitigen. Er hatte es Silver nicht sagen müssen, sie wusste es, wenn sie ihm in sein rundliches Gesicht blickte, dass er den Club hasste. »Du kennst unsere Abmachung. Ich helfe dir, wenn du mir hilfst. Ich brauche etwas, dass diese Dreckskerle hinter Gitter bringt, dann sorge ich dafür, dass dein Bruder zurück zu dir und seiner nutzlosen Mutter kommt.«

Silver schluckte gegen die Tränen an, aber das brachte nichts, also schniefte sie hilflos. »In der letzten Pflegefamilie wurde er von einem jugendlichen Pflegekind missbraucht«, gestand sie dem Polizisten mit zitternder Stimme ein. Das war nichts, worüber sie gern sprach, aber sie hoffte auf Mendez Mitleid. Selbst ein Mann wie er musste doch welches besitzen, immerhin war er Polizist geworden. Man ergriff diesen Beruf doch mit dem Ziel, anderen Menschen zu helfen.

Für einen Moment verengte sich sein Blick, er legte den Kopf schief und versuchte, Silvers Worte einzuschätzen. Aber sie hatte die Wahrheit gesagt, er würde nichts anderes als das in ihrem Gesicht ablesen können. »Das tut mir leid, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir beide hier stehen, weil ich einen Einbruch von dir decke. Dass ich dir mit deinem Bruder helfe, ist nur ein Bonus, dafür, dass du nicht in den Knast musst.«

Silver senkte den Blick. Der Polizist hatte recht. Sie wollte in ihm gern viel mehr den Feind sehen, als er es wirklich war. Und das nur, weil er dabei war, als ihr Bruder geholt wurde. Aber dass er geholt werden musste, war nicht seine Schuld, nur die von Susan. Und dass sie sich nicht anders zu helfen wusste, als durch einen Einbruch an genug Geld zu kommen, um für Josh und sich eine Zukunft aufbauen zu können, war auch nicht seine Schuld. »Es tut mir leid, dass ich nicht mehr habe«, gestand sie ein.

Mendez nickte. »Du arbeitest für mich und ich kann dann ein gutes Wort für dich einlegen. Also sieh zu, dass du irgendetwas findest. Je schneller, desto besser für deinen Bruder«, sagte der Polizist mit deutlich versöhnlicherer Stimme.

Silver sah an ihm vorbei, als ein Laster laut brummend und viel zu schnell an ihnen vorbeifuhr. Ein kleines Mädchen zog so hastig am einen Ende einer Leine, dass der winzige Chihuahua am anderen Ende auf dem Fußweg auf seinem Hintern landete, aber immerhin hatten die großen Räder des Lasters ihn nicht erwischt. Das Mädchen hockte sich neben den Hund und tätschelte ihn und ihre Mutter wiederum tätschelte den Kopf des Mädchens, das noch immer ganz aufgeregt wirkte.

Silver sah wieder den Polizisten an. »Ich werde Ihnen besorgen, was auch immer ich bekommen kann«, versprach sie nachdenklich. Ein Teil von ihr hatte wirklich geglaubt, dass sie das hinbekommen konnte, aber tief in sich drin wusste sie, dass sie das nicht schaffen würde. Sie hatte keine Hoffnung.

Mendez nickte zufrieden, dann legte er eine Hand auf Silvers Schulter. »Ich habe ein Auge auf deinen Bruder. Vielleicht kann ich dafür sorgen, dass er dich anrufen kann oder du ihn sehen kannst«, räumte er ein.

»Danke«, sagte Silver, warf dem Mädchen noch einmal einen besorgten Blick zu, aber sie schien den Schock überwunden zu haben. Jetzt hielt ihre Mutter wieder die Leine und das Mädchen lief langsam neben beiden her.

»Ich schaffe das.« Silver versprach es mehr sich als ihm, um sich selbst Mut zu machen.

Mendez tätschelte noch einmal Silvers Schulter, dann wandte er sich ab, ging die Straße ein paar Schritte runter und stieg dann in ein dunkelgraues Auto ein. Der kleine Fiat wartete auf eine Lücke im fließenden Verkehr, dann fuhr er an ihr vorbei. Silver blickte sich kurz um, dann lief sie über die Straße, wo neben der Bank ein kleines Café war, in dem Kelly auf sie wartete.

»Und?«, wollte ihre Freundin wissen und schob Silver einen lauwarmen Kaffee über den Tisch.

Silver schüttelte den Kopf. »Er versucht, dass ich Josh sehen kann, aber ich muss ihm etwas liefern.«

»Dann musst du das tun, obwohl es mir fast schon ein wenig leid tut, wegen der Männer. Ich mag diese finsteren Kerle irgendwie.«

Silver lachte leise, nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse wieder hin. »Du magst alle Kerle.«

»Ja, aber diese hier ficken gut.«

Silver zuckte zusammen. »Kelly«, zischte sie ihre Freundin an und sah sich vorsichtig im Kaffee um, aber niemand kümmerte sich um die beiden Frauen.

Kelly ärgerte Silver zu gern, indem sie viel zu laut über versaute Sachen in der Öffentlichkeit sprach. Sie nutzte es zu gern aus, dass in Spanien nicht jeder Englisch verstand. Aber Silver war sich sicher, dass das Wort Ficken keiner Übersetzung bedurfte, das verstand jeder.

»Also, was willst du jetzt tun?«

»Ich werde heute Nacht in dieses Clubhaus einbrechen. Solange fast alle ausgeflogen sind, habe ich gute Chancen, dort lebend wieder rauszukommen.«

»Ich habe kein gutes Gefühl dabei.«

»Ich auch nicht«, gestand Silver.

 

3. Kapitel

 

Silver

Silver zog sich die dunkle Kapuze bis tief in ihr Gesicht, warf noch einmal einen prüfenden Blick in den Rückspiegel von Kellys kleinem Auto und kontrollierte, ob sie die schwarze Farbe in ihrem Gesicht überall gleichmäßig verteilt hatte. Diesmal wollte sie wirklich kein Risiko eingehen, indem sie vielleicht entdeckt wurde, weil irgendetwas an ihr in der Dunkelheit zu sehen war. Sie schlüpfte in die schwarzen Lederhandschuhe, schnappte sich den Rucksack mit ihren Werkzeugen und wünschte sich noch einmal, dass sie besser aufgepasst hätte, wenn ihr Vater sie in seine Geheimnisse eingeweiht hatte. Aber inzwischen saß er seit sieben Jahren im Gefängnis. Und in den letzten Jahren hatte sich gerade in der Sicherheitstechnik sehr viel getan. Silver hatte wenig Hoffnung, dass sie das hier hinbekommen würde. Zumindest würde sie diesmal kein Polizist aufhalten. Aber wahrscheinlich wäre ein Polizist die bessere Alternative gewesen. Sie hatte keine Ahnung, was diese Biker mit ihr anstellen würden, wenn sie sie erwischten. Töteten Biker Menschen? Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken.

Sie schlüpfte aus dem Auto, das sie ein paar Straßen vom Clubhaus entfernt geparkt hatte. Das Clubhaus befand sich am Rande der Stadt genau auf der Grenze zwischen einer Wohnsiedlung mit kleinen Reihenhäusern und einem Industriegebiet. Es war mitten in der Nacht, also würde sie wohl keinen Passanten begegnen, trotzdem hatte sie vom ersten Schritt an das Gefühl, als würde sie beobachtet. Aber wer sollte sie beobachten? Diese Gegend hier war so einsam, dass selbst die Straßenbeleuchtung nur frustriert und mit wenig Ansporn die Gehwege beleuchtete. Und da Silver ganz in schwarz gekleidet war, verschmolz sie mit den Schatten der Häuser.

Vorsichtig schlich Silver von hinten an das Gelände des Motorradclubs heran. Heute Vormittag hatte sie sich die Umgebung genau angesehen und dann entschieden, dass der sicherste Weg der durch die Hintertür war. Leider hatte keins der Gebäude eine Hintertür und alle Fenster waren alarmgesichert. Aber das Gebäude, in dem sich das Clubhaus befand, hatte hinten gar keine Fenster, dafür einen recht verrosteten schmalen Aufstieg für Schornsteinfeger zum Dach.

Silver befestigte den Rucksack mit dem Bauchgurt an ihrem Körper, bevor sie testete, ob die rostige Leiter sicher an der Wand befestigt war. Dann kletterte sie so vorsichtig wie möglich bis ganz nach oben, stieg auf das Dach, das nur eine leichte Steigung zur Mitte hin hatte, und lief eilig zu dem Dachfenster hin, das sie bei ihrer Erkundung heute ausgemacht hatte. Es war nicht groß und Silver wusste nicht einmal, ob sie hindurch passen würde, aber es war ihre beste Chance, in dieses Gebäude zu kommen. Auch wenn sie noch immer nicht wusste, wo sie anfangen sollte mit suchen und ob sie überhaupt etwas finden würde.

Mit einer kleinen Taschenlampe untersuchte sie den Fensterrahmen, bis sie einen kaum sichtbaren Draht entdeckte. Wer nicht wusste, wonach er suchen musste, würde ihn nicht finden. Vorsichtig schob sie ein Cuttermesser zwischen Rahmen und Fenster, hielt die Luft an und betete, dass sie den Alarm nicht auslösen würde, wenn sie den Draht jetzt durchtrennte. Genau das war passiert, als sie vor wenigen Tagen versucht hatte, in die Villa einzusteigen. Sie hatte den Draht durchgeschnitten und den stillen Alarm ausgelöst. Silver wünschte sich wirklich, sie hätte bessere Hilfsmittel. Aber die teure Technik, die ihr Vater immer verwendet hatte, hatte sie in England zurückgelassen. Sie musste einfach darauf vertrauen, dass sie es irgendwie schnell rein- und wieder rausschaffen konnte, und dass sie in dem kleinen Büro fand, was sie brauchte.

Mit einem entschlossenen Seufzen durchtrennte sie den Draht, schob einen gebogenen Schweißdraht zwischen Rahmen und Fenster und hatte etwas Mühe mit ihren zittrigen Händen, die Schlinge um den kleinen Riegel zu bekommen. Aber als sie es endlich geschafft hatte, reichte ein entschiedener Ruck und der Riegel sprang herum. Erleichtert schob Silver das Fenster nach oben, nahm den Rucksack und ließ ihn so leise wie möglich nach unten in den dunklen Raum, dann schlüpfte sie selbst hinein. Es waren nur Millimeter, aber sie passte durch den Rahmen. Zum ersten Mal war Silver froh, dass sie klein und schmächtig war. Ein wenig mehr Hintern oder Brust und das hier wäre zum Scheitern verurteilt gewesen. Vielleicht hatten die Biker deswegen dem Dach so wenig Aufmerksamkeit gewidmet und die Leiter, die hier hoch führte, ganz vergessen, weil nur wenige erwachsene Personen durch das Fenster passen würden.

Als Silvers Füße den Boden berührten, atmete sie tief durch. Es roch muffig und die Luft war so dick, dass man sie kaum atmen konnte. Das wunderte Silver nicht, denn dieser Dachboden war so winzig, dass sie sich nur gebeugt bewegen konnte. Mit der kleinen Lampe leuchtete sie ihre Umgebung ab. Hier oben gab es nichts weiter als Staub, ein paar Kartons und Dachschindeln, die wohl übrig geblieben waren. Silver sah in die Kartons rein, aber sie enthielten nichts weiter, als noch mehr Baumaterial und ein Buch, das so alt war, dass es zerfiel, als Silver es anhob. Es war eine spanische Bibel. Wahrscheinlich gehörte sie nicht einmal einem der Biker, sondern den Vorbesitzern. Soweit Silver wusste, war der Club auch erst seit ein paar Jahren in Spanien. Race hatte diesen harten, manchmal schwierig zu verstehenden schottischen Akzent gehabt, der sich noch verschlimmert hatte, als er betrunken war.

Silver suchte den Boden nach einer Luke ab, durch die sie nach unten kommen würde. Dieses Gebäude hatte nur eine Etage. Silver hoffte, dass es reichen würde, wenn sie sich mit diesem Gebäude befasste. Sie fand die Luke, bewegte sich langsam darauf zu, hob sie an und schaute durch einen Spalt nach unten. Als sie sicher war, dass niemand in der Nähe war, ließ sie die Treppe nach unten, und sobald sie unten war, wieder nach oben. Jetzt befand sie sich genau vor dem Zimmer, in dem sie mit Race gewesen war. Sie wusste, hier hinten gab es nur Gästezimmer und ein kleines Bad. Das verschlossene Zimmer befand sich am anderen Ende des Ganges. Genau gegenüber dem offenen Bereich zur Bar. Silver lauschte in die Dunkelheit, aber alles war absolut still. Es roch nach Öl, Leder, Männerschweiß und abgestandenem Bier. Was Silver nicht roch, war kalter Zigarettenrauch. Als würden die Biker tatsächlich nicht rauchen in ihrer eigenen Bar. Gesundheitsbewusste Biker? Wahrscheinlich nicht.

Silver deckte das ohnehin schon sehr schwache Licht ihrer Lampe ab, ihr Herz hämmerte heftig in ihrer Brust, dann ging sie langsam Schritt für Schritt den Gang runter, warf erst einen Blick um die Ecke, in die Bar hinein, aber es war wirklich niemand zu sehen. Leise blieb sie neben der Tür mit dem Tastenfeld stehen, steckte die Lampe zwischen ihre Zähne und machte sich daran, den Deckel des Bedienfeldes abzuschrauben und dann den Draht zu suchen, der das Bedienfeld mit Strom versorgte. Als sie ihn durchgeschnitten hatte, machte sie sich daran, dass Schloss in der Tür mit ihrem Lockpickingwerkzeug zu entriegeln. Das letzte Geburtstagsgeschenk ihres Vaters für sie.

Sie hatte es aus reiner Sentimentalität behalten und nie geglaubt, dass sie es jemals wieder verwenden würde. Aber dann war ihnen während ihrer Flucht durch die halbe EU irgendwann das Geld ausgegangen und Silver hatte begonnen, mit kleineren Einbrüchen in Bürogebäude oder kleine Geschäfte für den Unterhalt ihrer Familie zu sorgen. Ihre Beute hatte sie dann auf Trödelmärkten verkauft. Das hatte gut funktioniert, bis sie in Frankreich einmal fast erwischt wurden und Silver beschlossen hatte, dass es besser wäre, das Geld auf ehrliche Weise zu verdienen. Leider wollte eine Minderjährige, die schulpflichtig war, niemand einstellen, also hatte Kelly jeden Job annehmen müssen, den sie bekommen konnte.

Mit einem leisen Klick öffnete sich die Tür. Silver schnappte sich ihren Rucksack und schlüpfte in den dunklen Raum. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete die erstmal erleichtert durch. So weit so gut, dachte sie sich und wartete einen Augenblick, bis sich ihre Nerven beruhigt hatten. Wahrscheinlich würde sie erschossen werden und irgendwo verscharrt werden, wenn sie erwischt wurde. Aber vielleicht hatte Mendez dann zumindest einen Beweis. Oder wenigstens einen Punkt, an dem er ansetzen konnte. Aber ihr Tod würde Josh natürlich gar nicht helfen. Silver schob den Gedanken beiseite. Sie musste sich konzentrieren. Sie sah sich in dem Raum um. Es war tatsächlich ein kleines Büro. Nicht hochwertig ausgestattet. Einfach nur ein altes Sofa, ein Schreibtisch mit einem Computer darauf und ein Stahlschrank. Wahrscheinlich waren der Computer und der Stahlschrank ihre besten Chancen.

Während der Computer hochfuhr, knackte sie das Schloss des Stahlschranks und betete in Gedanken immer wieder, dass niemand sie erwischte. Sie öffnete die beiden Türen, nahm die Taschenlampe und leuchtete in den Schrank. Sie fand ein paar Patches in verschiedenen Größen mit Aufschriften wie: Prospect, Tolosa und 1%, die sehr neu wirkten. In der hinteren Ecke lehnte ein Baseballschläger. In einem Fach lagen Handschellen, Klebeband und Kabelbinder. Das war hoffentlich nicht der Einkauf von Christian Grey, überlegte sie und seufzte frustriert.

»Mehr nicht? Das war alles?«

Silver leuchtete noch einmal jeden Winkel ab und quietschte leise auf vor Freude, als sie unter einer Lederkutte einen kleinen Tresor entdeckte. »Das ist doch ein Anfang«, murmelte sie hoffnungsvoll, ging in die Knie und fragte sich, wer so dumm war zu glauben, dass ein Tresor aus dem Baumarkt irgendetwas vor wem auch immer schützen konnte.

Nur wenige Augenblicke später hatte sie das winzige versteckte Schlüsselloch gefunden, das den Tresor mittels Schlüssel öffnen sollte, für den Fall, dass die Batterien im Bedienfeld erschöpft waren. Mit ihrem Pickingwerkzeug hatte sie den Tresor Sekunden später geöffnet, nahm die gelbe Mappe an sich, stopfte sie in ihren Rucksack und verschloss alles wieder ordentlich, bevor sie sich dem Computer zuwandte.

»Mist«, stöhnte sie, als sie die Aufforderung, das Passwort einzugeben, auf dem Monitor entdeckte. Der Computer erweckte den Eindruck, noch aus Urzeiten zu stammen, damals waren die wenigsten Geräte geschützt. Silver hatte sich wohl getäuscht. Leider kannte sie sich gar nicht mit Computern aus. Sie besaß ja noch nicht einmal ein Handy, weil sie es sich einfach nicht leisten konnte. Sie tippte wahllos Worte wie Helldogs, Motorradclub, Tolosa oder Passwort ein, aber der Computer wollte seine Geheimnisse nicht preisgeben.

Gerade überlegte Silver, ob sie wohl eine Festplatte erkennen würde, wenn sie eine sah, als draußen brüllende Musik ihr Herz zum Rasen brachte. Kurz darauf verlangte jemand lautstark nach Bier. Silver sah zur Tür, ihr Puls hämmerte in ihren Ohren, und sie überlegte, was sie tun sollte. Es gab nur zwei Möglichkeiten, sie versuchte, auf dem Weg zurückzugehen, den sie gekommen war. Oder sie öffnete das Fenster, löste den Alarm aus und rannte so schnell sie konnte. Da das Fenster von einem Gitter geschützt wurde, musste sie es mit der Tür versuchen.

Mit zitternden Händen warf Silver sich den Rucksack auf den Rücken und schlich zur Tür. Sie öffnete sie einen Spalt breit, die Musik wurde noch lauter – zumindest würde niemand sie hören, dachte sie und schlich sich in den Flur. Mit wenigen Schritten erreichte sie die schützende Wand, hinter der sie sich verstecken konnte. Und ohne sich umzusehen, zog sie an dem Seil, das die Leiter zum Dachboden nach unten holte, stieg nach oben und holte erst wieder Luft, als sich die Luke zum Dachboden vollständig geschlossen hatte und sie allein in der Dunkelheit stand.

»Verdammt«, flüsterte sie in die Dunkelheit, als ihr einfiel, dass sie vergessen hatte, das Bedienfeld an der Tür zum Büro wieder zusammenzuschrauben. Jetzt würde ihr Einbruch bestimmt nicht unbemerkt bleiben. Sie überlegte, ob sie das Risiko eingehen konnte, noch einmal nach unten zu steigen, entschied sich aber dagegen. Sie hatte keine Kameras im Clubhaus gesehen. Wahrscheinlich waren Kameras verpönt, wenn man überall Sex hatte, wo es gerade passte oder auch nicht. Andererseits störte es ja auch niemanden, dass der Innenhof überwacht wurde. Silver schüttelte den Gedanken ab und schlich sich zum Dachfenster weiter, als sie sicher war, dass sie sich soweit beruhigt hatte, dass sie konzentriert weiterlaufen konnte, ohne tollpatschige Fehler zu begehen, die sie sich wirklich nicht leisten konnte. Das mit dem Bedienfeld war schon schlimm genug.

Eilig kletterte sie nach unten, rannte über die kleine Freifläche hinter dem Club und blieb erst stehen, als sie in die Sicherheit der nächsten Straße verschwunden war. Hier hinter den Häusern war sie vom Club aus nicht mehr zu sehen. Eigentlich war sie das schon hinter dem Haus nicht mehr gewesen. Aber das Büro lag genau an der Ecke und durch das Seitenfenster hätte man sie vielleicht doch noch sehen können. Aber jetzt konnte sie wieder atmen, ihre Hand auf ihre Brust legen und die Augen schließen. Nur ein paar Sekunden, dann musste sie schon los, denn Mendez würde noch heute Abend kommen, um abzuholen, was sie hatte. Sie hoffte, dass der gelbe unscheinbare Schnellhefter mehr enthielt, als es auf den ersten Blick schien.

Blaze

»Wo ist sie?«, fuhr Blaze die Bedienung hinter der Theke des Lux an und lehnte sich ungeduldig und mit einer riesigen Wut im Bauch über den Tresen. Er musste sich wirklich zurückhalten, sie nicht einfach an ihrer Bluse zu packen und zu sich rüber zu ziehen.

Die Frau riss die Augen erschrocken auf und wich einen Schritt zurück, das Geschirrtuch, mit dem sie eben noch ein Glas abgetrocknet hatte, fiel zu Boden. Aber sie konnte noch so verschreckt aussehen, Blaze war im Moment nicht dazu in der Lage, Mitleid zu empfinden. Er war einfach nur rasend vor Wut, seit er den Einbruch in das Büro seines Vaters bemerkt hatte. Und er hatte sofort gewusst, wer hinter diesem Einbruch steckte. Dazu hatte er nicht einmal 1 und 1 zusammenzählen müssen.

»Von wem redest du?«, wollte die Frau mit dem dunkelblonden Haar von ihm wissen und umklammerte mit beiden Händen die Arbeitsplatte in ihrem Rücken.

»Von deiner kleinen Freundin. Die, die du am Wochenende mit in den Club geschleppt hattest.«

»Ich weiß nicht«, stammelte sie leise. Sie blickte sich in der Bar um, aber da noch nicht offiziell offen war, konnte ihr niemand außer die zweite Bedienung zur Hilfe kommen. Und die würde sich auf keinen Fall mit einem Mitglied des Clubs anlegen, für den sie arbeitete.

Blaze lehnte sich noch ein Stück weiter nach vorne und verengte die Augen grimmig. »Du hast die Wahl, entweder ich kläre das noch heute mit deiner Freundin oder Rogue tut es, wenn er zurück ist. Du kannst dir bestimmt vorstellen, was wir mit Verrätern tun?«, drohte Blaze ihr mit düsterer Stimme. »Also, was ist dir lieber?«

Auf keinen Fall wollte Blaze, dass die anderen die Angelegenheit klärten. Nicht wegen der Frau, sondern weil er keine Lust auf den Spott hatte, der ihn erwartete, wenn seine Brüder erfuhren, dass der Club ausgeraubt wurde, während er die Verantwortung für alles hatte. Das würde er nicht zulassen. »Wo ist sie?«, knurrte er noch einmal wütend.

Die Kleine biss sich auf die Unterlippe. »Versprich nur, dass du ihr nicht wehtust«, sagte sie. »Ihr darf nichts passieren.«

»Sie ist in unseren Club eingebrochen. Und ich habe so das Gefühl, du wusstest davon«, warf Blaze ihr vor, stieg von der Bar herunter und ging auf die andere Seite, wo er nur Zentimeter vor Kelly stehenblieb. »Also?«

»Sie wollte euch nicht schaden. Sie hatte keine andere Wahl.«

»Man hat immer eine Wahl.«

Die Frau schüttelte den Kopf. Sie war hübsch, kam Blaze aber nicht besonders schlau vor. Denn wenn sie schlau wäre, würde sie ihm endlich sagen, was er wissen wollte und nicht versuchen, ihm auszuweichen. »Hat sie nicht. Der kleine Campingplatz am Stadtrand.«

»Der, der schon seit Jahren geschlossen ist? Wo alle illegal wohnen?«

Kelly nickte vorsichtig. »Ja, aber tu ihr nicht weh«, flehte sie ein weiteres Mal.

»Sehe ich aus, als würde ich eine Frau schlagen?«, warf er ein. Er ließ die Bedienung stehen, wandte sich dann aber noch einmal zu ihr um. »Wenn dem Club irgendein Schaden entsteht, kann ich für nichts garantieren. Du hast davon gewusst, also steckst du mit drin, egal was ab jetzt passiert«, sagte er ruhig, bevor er die Bar verließ und auf sein Motorrad stieg. Er setzte seinen Helm auf, schlüpfte in seine Lederhandschuhe und startete die Maschine.

Die Maschine unter seinem Hintern war ein Geschenk seines Vaters. Gebaut nur für ihn. Er liebte ihren Sound, das ungeduldige Ruckeln, wenn er den Motor startete. Sie war jedes Mal genauso scharf darauf, loszufahren und den Wind zu genießen wie er. Blaze liebte jeden blitzenden Zentimeter Chrome, die metallicblaue Lackierung, die je nach Blickwinkel auch mal grün oder bronzen wirkte. Er liebte einfach alles an dem Bike.

Sobald der Verkehr es zuließ, fädelte er sich auf die Straße ein, umfuhr mit einem Schlenker einen Kleinwagen und fuhr dann viel zu schnell zu dem Campingplatz. Er hatte keine Ahnung, was Silver hatte mitgehen lassen, wahrscheinlich nichts, was dem Club wirklich schaden konnte. Die wirklich gefährlichen Sachen bewahrten sie in einem Versteck unter den Dielen in der Kirche auf. Trotzdem musste er sichergehen. Zum Campingplatz führte eine unbefestigte Straße, die gerade breit genug für die Wohnanhänger war und von Bäumen und dichtem Buschwerk umgeben war. Da er niemanden aufschrecken wollte am späten Abend und keine Zeugen gebrauchen konnte, stellte er den Motor ab und ließ die Maschine vor der Straße zum Campingplatz stehen.

Er war noch nicht ganz am Ende der Straße angekommen, noch immer verdeckt von Sträuchern, da hörte er Stimmen, also schlich er sich im Schutz der Abenddämmerung und der Sträucher näher und sah um die Ecke. Er bog ein paar Zweige des Strauchs auseinander, hinter dem er Schutz gesucht hatte und lauschte auf die Stimmen. Silver und ein Mann standen unter dem rostigen Torbogen und unterhielten sich. Der Mann stand mit dem Rücken zu ihm, weswegen er nur sehen konnte, dass er Jeans und ein Shirt trug. Obwohl die beiden nur wenige Schritte von ihm entfernt standen, konnte er nicht hören, was gesprochen wurde, weil der Wind nur Wortfetzen zu ihm herüber trug. Was er aber deutlich erkennen konnte, war die Ruhe, die beide ausstrahlten. Auf ihn wirkte die Szene, als würden sie ein gemütliches Gespräch führen. Nichts deutete darauf hin, dass Silver angespannt oder nervös war. 

Blaze beobachtete, wie Silver einen gelben Hefter aus ihrem Rucksack zog, den Blaze viel zu gut kannte, und ihn an den Mann weiterreichte, der danach griff, ihn kurz aufschlug und nur einen flüchtigen Blick hineinwarf und nickte, bevor er ihn wieder zuschlug und locker in seiner Hand hielt. Als würde das Foto, das ganz oben auf der ersten Seite klebte, nicht mehr wert sein als einen flüchtigen belanglosen Blick. Er holte tief Luft, um die Wut in seinem Inneren unter Kontrolle zu bekommen, dann schlich er sich mehrere Schritte rückwärts, wandte sich um und rannte die Straße runter bis zu seinem Bike. Er durfte jetzt keinen Fehler begehen. In diesem Hefter befand sich seine Vergangenheit. Die seines Vaters, seiner Schwester und des gesamten Clubs.

Er brauchte absolute Konzentration, wenn er die Sache beheben und verhindern wollte, dass dieser Mann mehr über sie alle erfuhr, als er sollte. Konzentration und sein sofortiges Handeln. Er setzte sich auf die Maschine, startete den Motor und gab Gas. Kiesel spritzten unter seinen Rädern auf, als er losfuhr und das Gas voll durchzog. Mit rasender Geschwindigkeit fuhr er die Straße zum Camp runter, verlangsamte erst kurz bevor er aus dem Schutz der Bäume fuhr, hielt den linken Arm raus und fixierte den gelben Hefter, den der Mann in seiner Hand hielt. Blaze packte den Hefter, verpasste dem Mann einen Tritt mit seinem Fuß, wendete und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Eine Sekunde war er versucht, den Mann einfach zu erschießen, aber Tote machten immer mehr Ärger, als gut für den Club war. Außerdem tötete niemand von ihnen gern. Nur, wenn es wirklich keinen anderen Ausweg gab. Wenn es um die Sicherheit ging.

Blaze fuhr die Straße runter bis er einen kleinen Pfad entdeckte, der in einen Wald führte. Dort fuhr er rein, stellte den Motor ab und schloss die Augen. Er war noch immer sehr wütend. Jede Faser seines Körpers verlangte danach, Silver zu bestrafen. Sie für ihren Verrat an dem Club zur Verantwortung zu ziehen, wie es sich gehörte. Wenn seine Brüder davon erfuhren, würde sie dieser Strafe ohnehin nicht entkommen. Aber etwas in ihm sträubte sich auch dagegen, sie zu verraten. Nicht, bevor er nicht wusste, was hier lief. Er wollte wissen, warum sie das getan hatte. Welchen Grund sie hatte, dem Club zu schaden. Oder ihm.

Er schlug den Ordner auf und versteifte sich, als er das Foto von seiner Mutter sah. Die Polizei hatte nie wirklich herausfinden wollen, wer für den Mord an seiner Mutter verantwortlich war. Weil sie alle von der Mafia in Glasgow bezahlt wurden. Aber ihr Mörder hatte letztendlich seine Strafe bekommen. Sein Vater persönlich hatte ihm eine Kugel in den Kopf gejagt. Niemand entkam den Helldogs. Blaze seufzte und kämpfte gegen den Schmerz in seiner Brust an, als er das Foto betrachtete, das den zerschundenen Körper seiner Mutter zeigte. Dieser Anblick hatte sich so sehr in sein Gehirn gefressen, dass er ihn jede Nacht in seinen Träumen sah. Auch der Tod ihres Mörders hatte den Schmerz nicht ausgelöscht. Auch nicht die Wut. Von dieser Wut zehrte Blaze. Sie gab ihm die Kraft weiterzumachen. Sie höhlte ihn aber auch aus und hinterließ diese Leere in ihm, die ihn so unruhig machte.

Silver

Das war nicht so gelaufen, wie Silver es sich gewünscht hatte. Traurig saß sie auf der kleinen Holzbank vor dem Trailer und überlegte, was sie jetzt tun konnte. Noch einmal in den Club einbrechen? Es einfach vergessen, sich darauf konzentrieren, einen Job zu suchen und vielleicht in 6 Monaten – oder 12 – Josh endlich zu sich holen dürfen? So sehr sie die Vorstellung hasste, aber wahrscheinlich war das alles, was sie tun konnte. Es auf dem normalen und langwierigen Weg versuchen. Sie konnte schon froh sein, dass Mendez nicht wütend genug gewesen war, sie doch noch wegen des Einbruchs zur Verantwortung zu ziehen.

Silver betrachtete nachdenklich ihre abgekauten Fingernägel und versuchte krampfhaft, nicht zu weinen. Sie wollte wütend auf den Biker sein, der ihr in letzter Minute jede Hoffnung genommen hatte. Aber sie konnte es nicht. Schließlich wollte er wohl auch nichts anderes, als sich und seine Familie zu beschützen. Genau wie sie. Deswegen empfand sie sogar Verständnis für ihn. Die Wut empfand sie nur für sich. Und Susan, die schon wieder im Trailer lag, völlig neben sich. Silver fragte sich schon seit Monaten, woher sie immer wieder das Geld nahm, um sich so abzuschießen. Wer versorgte sie? Wer auch immer es war, er würde es mit ihr zu tun bekommen, wenn sie ihn erwischte.

Oh Josh! Was sollte sie nur tun? Sie konnten es nicht einmal wie sonst machen, verschwinden und sich woanders etwas suchen. Nein, sie mussten hier bleiben und den Behörden beweisen, dass sie es verdient hatten, Josh zurückzubekommen.

Das Röhren eines Motorrads ließ Silver aufschrecken. Sie sprang von der Bank auf, bereit, sich zu verstecken, aber als die Maschine direkt auf sie zuhielt, ersparte sie sich die Flucht. Sie wusste ohnehin, sie konnte nirgendwo hin. Sie musste das hier klären und hoffen, dass der finster aussehende Biker, der jetzt von seinem Motorrad stieg, nicht gekommen war, um sie zu töten.

»Du hast also gedacht, du brichst im Club ein und keiner kommt darauf, dass du es warst?«, sagte er, blieb vor ihr stehen und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Seine Muskeln waren so angespannt, dass die bunten Tattoos auf seiner Haut sich bewegten.

Silver presste die Lippen trotzig zusammen. Auf keinen Fall sollte der Kerl sehen, dass sie Angst hatte. »Nun ja, ich hatte gedacht, bevor ihr es rausfindet, hätte ich meine Aufgabe schon erledigt.«

Er grinste bitter und trat einen Schritt auf sie zu, dann schnappte eine seiner Hände so schnell nach ihrer Kehle, dass Silver es erst mitbekam, als er ihren Hals schon gepackt hatte und sie würgte. »Das ist kein Spaß«, flüsterte Blaze und seine Finger drückten sich unnachgiebig in ihre Haut.

»Das war es auch für mich nicht«, sagte sie fast tonlos, hob eine Hand an seine und versuchte, seinen Griff zu lösen. Mit der anderen Hand griff sie nach ihrem Gürtel und riss die Schnalle heraus, dann drückte sie ihm die kurze Klinge an den Hals. »Blaze?«, fragte sie heiser. »Lässt du mich jetzt wieder los?«

Sein Gesicht zuckte nicht einmal. Da war keine Überraschung zu erkennen, aber er lächelte träge und löste dann den Griff. Er trat einen Schritt zurück, packte blitzschnell ihr Handgelenk und entwendete ihr die Klinge. »Ein nettes Spielzeug, aber solange du damit nicht umgehen kannst, ist es nutzlos«, sagte er. »Wenn du wirklich sichergehen willst, dass dein Gegner dich nicht umbringt, dann setzt du das Teil das nächste Mal ein.« Er betrachtete die kleine Klinge, die, solange sie in ihrem Gürtel steckte, nur eine Gürtelschnalle war, und gab sie ihr zurück.

»Mein Vater hat sie mir geschenkt«, sagte sie leise und schob sie zurück an ihren Platz.

»Er hätte dir auch zeigen sollen, wie du sie benutzt«, sagte Blaze und musterte den Trailer in Silvers Rücken. Sie wusste, was er sah. Ein in die Jahre gekommenes Wohnmobil, das aus mehr Rost bestand, als gut war. Eine Familie, die kein richtiges Zuhause hatte. 

»Ich schätze, wir sind beide keine Mörder«, gab sie schnippisch zurück. »Oder bist du gekommen, um mich zu töten?«

Blaze stand ihr gegenüber, sein Blick musterte sie aufmerksam, nahm jedes Detail an ihr in sich auf, hatte Silver den Eindruck. Sie fragte sich, ob ihm gefiel, was er sah. Und gleich darauf fragte sie sich, warum sie das interessierte. Blaze war sehr gut aussehend. Nein, das war nicht das, was ihn beschrieb. Er war attraktiv, beängstigend und düster. Und diese düstere Seite war es, die sie anzog, weil sie sie an sich selbst erinnerte. Jede Mimik, jede Gestik, die er machte, tat er auf eine besondere Art und Weise. Es wirkte ein wenig unsicher und doch auch wieder begleitet von einer kontrollierten Kraft und Verletzlichkeit. Da gab es einen tiefsitzenden Schmerz in ihm, den er nicht zeigen wollte, den er aber trotzdem wie eine Reklame vor sich her trug.

»Tötest du mich jetzt oder stehst du noch lange da und starrst mich an?«, wollte sie wissen, als sein Schweigen begann, sie nervös zu machen. Und was sie auf keinen Fall wollte, war, dass er merkte, dass er sie aus dem Gleichgewicht brachte. Sie war nie jemand gewesen, der vor Selbstsicherheit strotzte. Ganz im Gegenteil, ihr mangelte es stark an Selbstsicherheit. Aber sie hatte gelernt, das zu überspielen, indem sie sich stark und mutig gab. Aber ihre Maske begann viel zu oft zu bröckeln, wenn jemand sie nervös machte. Und Blaze brachte ihre Maske gerade zum Bröckeln.

»Vielleicht später«, sagte er trocken, ging um sie herum und setzte sich auf die Bank vor dem Trailer.

Ein Biker in Lederhosen und Lederweste, ohne Shirt darunter, dafür mit zahllosen Tattoos und einer blauen Träne unter dem Auge, saß in dem kleinen winzigen Vorgarten, den Silver zusammen mit Kelly und Josh angelegt hatte. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten und keine zwei Schritte von ihm entfernt lag die getigerte Katze, die Silver jeden Abend fütterte, seit sie hier lebten. Dieses Bild war so unwirklich, dass sie lachen musste.

»Warum lachst du?«, wollte er wissen.

»Nichts«, sagte sie und setzte sich neben ihn. »Es tut mir leid, dass ich euch in Schwierigkeiten gebracht habe.«

Er brummte etwas, das sie nicht verstand. »Du hast uns nicht in Schwierigkeiten gebracht. Ich hab deinen Mist aufgeräumt. Warum hast du es getan?«

»Das geht dich nichts an«, sagte sie.

Er packte ihr Handgelenk und drückte zu. Nicht so, dass es schmerzte, aber fest genug, dass sie die Drohung verstand. »Du kannst es mir sagen, oder ich sorge dafür, dass du es mit meinem Club klärst. Dann wird es unangenehmer als ein Gespräch in deinem verfickten Garten vor deinem verfickten Spießercampingwagen.«

»Spießercampingwagen?«, fuhr sie ihn entrüstet an. »Denkst du, wir machen hier Urlaub? Das ist mein verficktes Zuhause. Mehr habe ich nicht.« Sie betonte das Wort verficktes, weil sie dieses Wort eigentlich nie benutzte, sie ihm damit aber in seiner Sprache verdeutlichen wollte, wie ernst es ihr war.

Er zog eine Augenbraue hoch. »Du wohnst da drin? Bist du deswegen bei uns eingebrochen? Geht es um Geld?« Jetzt klang er zornig. Er spuckte ihr das Wort Geld regelrecht vor die Füße. Wahrscheinlich wäre er enttäuscht von ihr, wenn es um Geld ginge. Obwohl, warum sollte es ihn überhaupt interessieren, ob sie ihn enttäuschte. Wahrscheinlich war sie ihm völlig egal und er wollte nur herausfinden, was sie wusste. Warum sie beauftragt wurde. Vielleicht lebte sie nur deswegen noch.

»Ich weiß nichts, okay«, fuhr sie ihn an und zog an ihrem Arm, aber er ließ sie nicht los. Stattdessen kam er mit seinem Gesicht so nah, dass sie seinen Atem auf ihren Wangen spüren konnte. Sein Blick verfinsterte sich und er stieß frustriert die Luft aus.

»Besser du redest jetzt und hörst auf, mich wütend zu machen. Du hast die Wahl. Du sagst mir, was du weißt. Oder wir behandeln dich, wie wir alle Verräter behandeln.«

»Ihr bringt Verräter um?«, fragte sie mit einem lässigen Lächeln. Sie würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

»Genau das.«

»Nun, ich kann dir gar nichts sagen«, schnappte sie, senkte den Blick, um seinen auszuweichen und schloss hastig die Augen, als ihr Blick auf Blazes nackte Brust fiel und sich Hitze in ihr Gesicht brannte.

»Wer war der Mann?« Sein Griff wurde fester. »Kleine, wenn es nötig ist, dann tu ich dir weh. Ich muss meine Familie beschützen.«

»Du würdest eine Frau schlagen?«, fragte sie und kniff die Augen zusammen. Sie verzog das Gesicht und entwand ihm endlich ihren Arm.

»Nein, aber ich will es trotzdem wissen.«

Silver war kurz davor, es ihm zu sagen. Aber sie wusste nicht, wie er darauf reagieren würde, wenn er erfuhr, dass sie mit der Polizei zusammenarbeitete. Wahrscheinlich nicht gut. Außerdem konnte es vielleicht hilfreich für sie sein, wenn nur sie wusste, wer Mendez war. Warum er hinter den Helldogs her war, wusste sie ohnehin nicht. Wie viel machte es da schon aus, wenn sie nicht wussten, dass er ein Polizist ist. Sie war sich sicher, die Polizei war ohnehin ständig hinter den Bikern hinterher.

»Ich weiß nichts über ihn.«

»Du brichst also in den Club ein, ohne einen Grund dafür zu haben?«

Sie schnaubte. »Ich habe nicht gesagt, ich hätte keinen Grund.« Entrüstet rückte sie, so weit es möglich war, von ihm ab und sah ihn wütend an. Konnte er nicht endlich aufgeben und verschwinden? Sie wollte nur noch ganz viel Abstand zwischen sich und ihm wissen.

»Dann sag mir welchen und ich überlege mir, es vielleicht nicht meinen Brüdern zu sagen.«

Silver stöhnte frustriert auf, aber sie wusste, dass sie ihm etwas geben musste, wenn sie wollte, dass er endlich verschwand. »Ich habe es für meinen Bruder getan. Ich habe auch einen Bruder, den ich beschützen muss.«

Blaze legte den Kopf schief und betrachtete sie aufmerksam. »Wovor?«

Mit geschlossenen Augen holte sie tief Luft. Sie hatte keine Ahnung, warum sie Blaze davon erzählen sollte. Es ging ihn nichts an. Außerdem war es ihr unangenehm, mit ihm über etwas so Privates wie ihr verkorkstes Familienleben zu reden. Andererseits hatte er ein Recht zu erfahren, warum sie in sein Zuhause eingedrungen war. Sie wandte den Blick hinter sich zum Trailer. »Wir fahren damit nicht aus Spaß herum. Schon gar nicht wohnen wir aus Spaß in einem Trailer«, setzte sie an und seufzte leise. Wie viel sollte sie ihm sagen? Alles? Nur das Nötigste? »Josh ist mein Stiefbruder, aber ich bin alles, was er im Moment hat. Seine Mutter hat Probleme. Bisher haben wir es irgendwie geschafft, den Behörden immer zu entkommen, aber jetzt nicht mehr. Vor ein paar Tagen war das Jugendamt da und hat Josh mitgenommen. Ich bekomme ihn nur zurück, wenn ich ihnen beweise, dass ich ihm ein vernünftiges Leben bieten kann. Dazu benötige ich eine Wohnung und einen Job«, erklärte sie.

»Und du hast gedacht, du bekommst das, indem du bei uns einbrichst?« Blaze sah sie verwundert an. Aber was sie in seinem Blick auch erkannte, war Mitleid.

»Nein, aber ich hätte Hilfe bekommen.« Silver zögerte. »Josh hat keine guten Erfahrungen mit Pflegefamilien gemacht.« Sie schluckte gegen die Tränen an, als sie wieder daran denken musste, wie schlecht es ihrem Bruder ging, als sie ihn gefunden hatte.

»Fuck«, fluchte Blaze, der die Puzzleteile wohl von allein zusammengesetzt hatte. »Deswegen seid ihr auf der Flucht mit einem Trailer, damit er nicht mehr in eine Pflegefamilie muss.«

Silver nickte.

»Und dieser Kerl hätte dir geholfen, deinen Bruder zurückzubekommen? Ist er vom Jugendamt?«

»Nein, aber er hätte ein gutes Wort für mich eingelegt«, gestand sie. »Sind wir jetzt quitt?«, wollte sie gequält wissen.

»Ich denke darüber nach.« Blaze musterte sie aufmerksam. »Ich verstehe zumindest, warum du es getan hast. Aber dich in Gefahr zu bringen, ist nicht der richtige Weg.«

Silver zog eine Augenbraue hoch. »Es war der, der vielleicht am schnellsten zum Erfolg geführt hätte. Ich muss Josh dort wegholen. Es ist schlimm für ihn und er hat Angst. Das weiß ich.«

Blaze sprang auf und warf dem Trailer einen kurzen Blick zu, als Susan von drinnen Silvers Namen rief. Wahrscheinlich war sie nach dem Aufwachen viel zu nüchtern, um sich gut zu fühlen. Blaze war mit zwei schnellen Schritten an der Tür, noch bevor Silver ihn aufhalten konnte.

»Wer ist da drin?«, wollte er wissen und sein Blick verfinsterte sich sofort, als hätte Silver ihn schon wieder verraten.

»Geh nicht rein«, bettelte sie. Sie wollte nicht, dass er sah, wie sie lebte. Aber er ließ sich nicht aufhalten und riss die Tür auf. Silver stöhnte verzweifelt auf.

»Scheiße«, stieß Blaze aus und Silver versteifte sich noch mehr.

Silver musste nicht zu ihm gehen, um zu wissen, was er sah. Sie wusste selbst, wie der Anblick ihres Zuhauses auf andere wirkte. Sie hatte es oft genug erlebt, wie die Menschen reagierten, wenn sie das sahen, was Silvers Leben war. Deswegen hatte Kelly nach all der Zeit auch so schnell es ging das Weite gesucht und den ersten Job und die erste Wohnung angenommen, die sie finden konnte. Und Silver hatte sich von der Einsamkeit hier draußen täuschen lassen und geglaubt, dass sie hier niemand finden würde. Sie hatte sich so sehr gewünscht, endlich mal länger irgendwo bleiben zu können. Auch für Josh hatte sie es sich gewünscht. Besonders für ihn. Damit er zur Ruhe kommen konnte. Silver hatte alles falsch gemacht. Jedes Mal, wenn sie geglaubt hatte, etwas Gutes für Josh getan zu haben, war es falsch gewesen. Josh brauchte mehr als das hier. Das wusste sie jetzt. Und sie wollte es ihm geben.

»Ich weiß«, sagte sie beschämt. »Das ist ziemlich schlimm.«

Blaze trat von der Tür zurück und sah sie ernst an. »Ist es. Ich verstehe nicht, warum du geglaubt hast, du musst das allein schaffen.« Er sah sie vorwurfsvoll an, überlegte es sich dann aber wohl anders, denn er versuchte sich an einem Lächeln. »Tut mir leid, ist nicht deine Schuld. Nichts davon. Ich kümmere mich darum«, sagte er mit gerunzelter Stirn. »Du brichst nicht nochmal in den Club ein. Und du verrätst diesem Arschloch auch nichts. Am besten, du hältst dich fern vom Club, dann kläre ich die Sache für dich. Du bekommst deinen Bruder wieder. Und sollte jemand ihm was getan haben, dann kümmere ich mich auch darum.«

Silver riss den Mund entsetzt auf. »Was? Was willst du tun? Nein!«

Er trat wieder näher auf sie zu. »Ich kümmere mich darum«, wiederholte er bedrohlich, seine Stirn tief gefurcht. Silver wusste, er würde keinen Widerspruch dulden, dass er es sehr ernst meinte, sah sie in seinen Augen. Er legte eine Hand in Silvers Nacken und zog sie ein Stück näher, dann blickte er sie bestimmt an. Die Hand in ihrem Nacken, das war keine zärtliche Geste, sondern sollte seine Drohung untermalen, deswegen gruben sich seine Fingerkuppen in ihre Haut. »Versuch gar nicht erst, mich aufzuhalten.« Er ließ sie los, stieg auf sein Motorrad und fuhr davon. Das Geräusch seines Motorrads hätte fast Susans Rufen verschluckt. Aber leider nur fast. Silver wusste, dass Susan wütend wurde, wenn sie nicht sofort reagierte, trotzdem blieb sie stehen und starrte noch Minuten lang auf die Stelle, wo Blaze eben verschwunden war.